Demut der Anni
Ich kann mich eines kleinen Mädchens erinnern, der Anni. Sie
wohnte im schäbigen Viererhaus in unserer
Gasse. Oft spielte
sie vor dem Haustore. Ihre Mutter war eine gemeine, aufgeblähte
Vettel, die mit einem
Vermisstenschein verheiratet (1946), sich
in ihrer zwangsläufigen Armseligkeit mit allerlei anderen
Männern
eingelassen und zusätzliche Kinder bekommen
hatte. Alle waren sie Mädchen, zu meiner Zeit die meisten
schon im Heranwachsen zu Fräuleins. Die Anni war wie ich
eben schulpflichtig geworden, ihre Schwester
Berta war etwas
jünger.
Die Anni war klein, zu klein für ihr Alter;
dünn, dunkelhaarig, mit dunklen Augen, still und blutarm.
Die Berta,
dicklich und der Mutter ähnlich, mit vollen
genussfrohen Lippen, einen gesundfrechen Ausdruck im Gesicht
Ich
näherte mich oft der Anni, stand beiläufig bei ihr,
hörte ihrer dunklen Stimme zu und genierte mich bei
ihr zu
stehen. Und ich fürchtete meinen Drang, in ihrer Nähe
sein zu wollen, ihr zu verraten. Die Anni war
mir wie eine
warmgetönte Schale, in die hinein zu legen das Beste mich
drängte. Wohl konnte ich ihr nichts
geben, ich war verzerrt
und verstellt und nicht in der Lage den kleinsten Teil meiner
Gefühle ihr zu vermitteln.
Aber in mir war ein warmes
Bedürfnis ihr alles zu überlassen, in ihr zu bergen.
Ihre Zartheit erweckte in mir
eine wilde Zärtlichkeit, den
Wunsch ihr nah zu sein, sie zu umarmen und sie zu wiegen. Anni
besass einen
kleinen Drahtpuppenwagen in dem ein Fetzen von Puppe
lag, mit einem karierten Lappen säuberlich zuge-
deckt. Den
Wagen hatte sie immer bei sich, sonnte sich mit ihm, geschäftig
mit der Puppe spielend.
Die Berta hatte ihre Puppe nachlässig
an der Hand hängen und schlenkerte sie um sich. Einmal gab
es
Süssigkeiten und ich stand bei der Anni vorm Haustor.
Berta hatte der Anni das Bonbon weggeschnappt
und schleckte es
dicklipprig. Ich empörte mich, doch Anni winkte still ab.
Sie lehnte sich in die Nische des
Torbogens, an das noch
sonnenwarme Gemäuer, und sagte mit ihrer dunklen Stimme:
"Das macht ja
nichts". Und ich sah der Berta dabei
hilflos ins aufgeregt belustigt kauende Gesicht und wünschte
mir
heftig ihr den Schädel mit einem Stein einschlagen zu
können.
Nachbemerkung nach zwei Menschenaltern: Es ist das Prinzip
das sich unverfroren in die Welt zu stelen, wohl aus Mangel
an Einsicht, hier in Vorteil und aus Mangel an Einühlung (warum auch).
Reinster Darwinismus und wenn nicht einige
Menschen sich gegen diesen "Kampf" gewehrt hätten, wäre die
Menschenwelt verschwunden wie viele Welten vor ihr.
Nicht dass das gegen die "Natur" gerichtete das Richtige wäre, es ist
nur richtig für die Seelen die auf Erden wandeln
(müssen) und sich dem Druck beugen.
//1970//07-2005//02-2006//03-2009//03-2010//