Der Tod des Meerschweinchens

Kinder die unsere Kinder besuchten, spielten mit deren Meerschweinchen. Dabei
warfen sie eins der zwei Tierchen hoch, es überschlug sich mehrmals in der Luft,
fiel wohl auch zu Boden und verrenkte oder brach sich das Unterkiefer. Als ich
abends von der Arbeit kam sagte mir meine Frau empört was geschehen war.
Nüchtern sah ich mir die Bescherung an. Im wild durcheinander genässten und
verkoteten Käfig (wohl von der Aufregung) saß das Tier, stocksteif und das Fell
geplustert. Die schwarzen Kugelaugen waren leicht geschlossen. "Den Käfig
brauchst Du nicht mehr sauber machen" sagte ich zu meiner Frau, "ich
werde das Tier mit dem Dreck begraben". Dabei schwebte mir vor, das
Meerschweinchen in eine Einkaufstüte, samt Sägespäne und Salatblätter zu füllen
und kurzerhand in den Müllkasten zu stecken.
Wir aßen Abendbrot. Die Kinder erledigten ihre Pflichten, zu denen auch die
Fütterung der Tiere gehörte. Meine Frau wollte vorher noch die Käfige säubern.
So bequemte ich mich ausnahmsweise hoch, scheuchte die Kinder weg vom
verletzten Tier und hob es aus dem Käfig.
Zitternd und schnellatmend duckte es sich in meinen Händen. In mir kam die Wut
hoch. Ich brüllte meine Kinder an: "Das nächste Mal paßt ihr besser auf! Mir
kommt das nicht mehr vor, daß fremde Kinder die Tiere anfassen! Die haben hier
nichts zu machen!"
Inzwischen brachte meine Frau die Käfige zurück. Vorsichtig setzte ich das Tier
hinein und beobachtete die Reaktion. Das Tier schlich sich in die hinterste Ecke
und blieb so mit gesenkter Kopfhaltung. Ich überlegte. Dann packte ich den Käfig
und ging mit ihm in mein Zimmer, einen stillen alten Wunsch mir erfüllend; schon
lange hatte mich das ungebärdige wilde Treiben meiner Kinder mit den Tieren
gestört. Nur aus Rücksicht, daß es ihre Tiere waren, hatte ich ihnen den Umgang
nicht verboten. Jetzt war es soweit. Das Tier war frei. Es war verletzt,
vielleicht schwer und dadurch in meine volle Aufmerksamkeit einbezogen worden.
Es gehörte nun zu mir, in den Lichtkegel meiner Interessen, und da ich der
gesellschaftliche Führer meiner Familie war, bedurfte es meiner direkten
Fürsorge. Ich stellte den Käfig auf ein Tischchen neben den warmen gutgeheizten
Kachelofen und besah mir die Angelegenheit. Viel war nicht zu sehen. Das Tier
verharrte ruhig, nur das tiefe schnelle Atmen verriet eine gewisse Erregung. Ich
holte ein dichtes Tuch und deckte die Hälfte des Käfigs ab und sah befriedigt
wie sich das Tier in die dunkelste (und wärmste) Stelle schleppte. So ging ich
zum Fernseher. Gegen 0:30 Uhr erhob ich mich, sagte meiner Frau Gute
Nacht und ging in mein Zimmer. Ich stellte die abgeblendete Lampe an und
besah mir das Tier. Es hatte den Platz gewechselt und saß jetzt im freien Teil
des Käfigs, bedrückt wie mir schien, aber ganz normal. Meine Frau hatte den
Freßnapf des Meerschweinchens gut gefüllt mit Mohrrüben, gelbem Getreide und
Salat. Aufmunternd nahm ich ein frisches Salatblatt (das das Tier sonst mit
wilder Gier verzehrt hatte) und hielt es ihm hin. Es kam interessiert mit dem
Kopf näher, tat eine Zubeissbewegung und verharrte. Dann wandte es sich weg in
seine Ecke. Mißmutig erhob ich mich vom Stuhl und ging zum Schreibtisch. Ich
stellte das Radio an und arbeitete etwas. Doch die Arbeit ging mir nicht gut von
der Hand. Immer wieder wandte ich mich um, nach dem Tier sehend. Endlich erhob
ich mich, holte einige Briketts und fachte das erlöschende Feuer wieder an. Ich
hatte gelesen, daß die Meerschweinchen einst Haustiere der INKAS gewesen waren
und daß sie es, aufgrund ihrer Herkunft, ganz gerne warm hätten. Nachdenklich
betrachtete ich das schöngefärbte Tier, dessen Charakter weniger dem Kaninchen
sondern mehr einem braunweissschwarz getöntem edlem Pelztiere glich. Der edle
langnasige Kopf war dicht gesenkt in den Hals, als ruhe das Tier in sich.
Interessiert hob ich den Käfig und stellte ihn auf den Schreibtisch. Ich
richtete (nachdem ich das Tuch vom Käfig abgezogen hatte) meine starke Lampe auf
das Tier ein, um es zu wärmen, während ich es zugleich bequem beobachten konnte.
Das Tier war eigentlich mein geheimer Stolz gewesen. Zum Unterschied zum anderen
war es von fast königlichem Wuchs, glattfellig und dicht bepelzt. In der
Auseinandersetzung mit dem anderen (beide waren Männchen) erwies es sich immer
als das dominierende. Mit einer gewissen Ruhe und Großartigkeit hatte es das
andere unterdrückt und weggedrängt. Daran dachte ich, als ich das sichtlich
angeschlagene Tier betrachtete. Vorsichtig tastete ich es ab. Alle Knochen
standen sich symmetrisch über der Mittelachse des Rückens gegenüber. Scheinbar
war nichts gebrochen. Das frühere Humpeln war auch verschwunden, es bewegte sich
ungezwungen, aber bedächtig (und damit nicht typisch für ein Meerschweinchen).
Ich erhob mich vom Schreibtisch und holte mir das Tierbuch, die allgemeine
Gebrauchsanweisung. Ich las es noch einmal durch und stutzte bei dem Punkt:
gebrochene Zähne. Dort stand dann, man sollte es aus dem Käfig nehmen und mit
weichem Futter füttern. Die Zähne würden schnell nachwachsen. Zart tastete ich
die Schnauze des Tieres ab. Und wirklich waren die Oberzähne abgebrochen!
Befreit von der diagnostischen Unsicherheit erhob ich mich (der Meinung, daß ein
erkanntes Leiden die unbekannten ausschließe) und ging in die Küche. Fieberhaft
schabte ich Äpfel und Mohrrüben, holte mir -auf leisen Sohlen- einen kleinen
Puppenlöffel aus der Puppenstube meiner Tochter und eilte zum Tier zurück. Ich
nahm das Gitter ab und versuchte das Tier (es dabei in eine Ecke treibend) zu
füttern. Doch es nahm die größten Leckerbissen nicht an. Bestürzt hielt ich
inne. Dann versuchte ich es mit sanfter Gewalt, indem ich es am Genick faßte und
es leicht zum Essen stupste. "Du mußt essen" sagte ich halblaut und
erschrak fast vor meiner Stimme in der Nacht. Im Radio spielte nuschelnd
Tanzmusik. Ich rauchte und überlegte. Es war bereits weit nach Mitternacht, ich
wußte, daß die Tiere Tageslebewesen waren, trotzdem versuchte ich, durch den
Unfall gezwungen, die Nacht zum Tage zu machen. Das Tier hatte vielleicht seit 8
Stunden nichts mehr gegessen, mir schien es auch schon etwas schmaler; der feine
Sägespänestreu bedeckte nutzlos sauber den Kunststoffboden des Käfigs. Mir
schien die Appetitlosigkeit des Tieres bedrohlich. Ich las wieder das Büchlein
aufmerksam durch. Mir fiel die Nahrung der zahmen Muttertiere auf: altes Brot,
aufgeweicht in Milch. So ging ich wieder in die Küche und machte dieses Essen
zurecht. Die Gitterwände des Käfigs ließ ich geöffnet, denn nun erkannte ich die
Schwäche des Tieres. Regungslos, oft minutenlang, saß es in seiner Ecke, den
Kopf gesenkt und hineingedrückt in den Winkel des Käfigbodens. Bald kam ich mit
der Nahrung auf einer Kaffeeuntertasse zurück. Beschwörend -mit zwei spitzen
Fingern- versuchte ich es zu füttern. Wohl kam das Tier heran (wenn auch müde),
aber es schnupperte nur, nahm nichts. Ich rauchte und überlegte, fast
verzweifelt. Mir war die Gesundheit, das Durchkommen des Tiers (das im Einkauf
nur DM 7,50 gekostet hatte) plötzlich zur echten Aufgabe geworden.
Leider war der folgende Tag ein Sonntag, aber ich beschloß, am Montag -sollte es
noch leben- zum Tierarzt zu gehen und es kurieren (bis DM 50,-) zu lassen.
Besorgt sah ich auf die Uhr: es war 3 Uhr früh geworden, das Tier hatte seit
vielleicht 10 - 12 Stunden nichts mehr gegessen. Ein unhaltbarer Zustand bei so
schnellbrennenden Lebewesen! Ich beobachtete unentwegt das Tier. Nahm die Lupe
zur Hand und starrte in die eingefallenen Augen (die mir ein ernsthaftes böses
Zeichen schienen). In der Vergrößerung des Glases sah ich kleine Tiere herum
kriechen. Erregt ging ich an den Bücherschrank und tastete mich im Brockhaus an
die Milben heran. Ich ging in den Gerümpelraum wo unsere anorganischen Mittel
standen und suchte Katzenpulver, fand aber nichts. Fest nahm ich mir vor, am
Sonntag (an irgendeinen Bahnhof oder Apotheke zu fahren) mir DDT, Vaseline und
Borwasser zu besorgen. Mit dem Borwasser wollte ich die verkleisterten Augen
frei kriegen. Träge blinzelnd starrte das Tier in meine Richtung und jedes Mal
wenn ich mein Gesicht in den Kegel der starken Lampe schob, richtete es seinen
Kopf nach mir aus. Gerührt und besorgt betrachtete ich das Tier. Noch nie war
ich der Kreatur so nahe gewesen wie jetzt. Mir früher nur nebenbei geläufig
erhob sich durch die letzten Stunden das Tier mir ins Bewußtsein. Ich kämpfte um
seine Existenz, wohl mit untauglicheren Mitteln als die Ärzte im Mittelalter,
aber mit nicht weniger Eifer. Verzweifelt sah ich dem Tier mit der Lupe in die
erlöschenden Augen. Meine Brille blitzte metallisch im Halbkreis seiner Iris und
ich dachte zuerst ein Fremdkörper hätte sich vorgeschoben und trübte den Blick
des Freundes. Ich kämpfte um ihn wie nie zuvor. Es war nicht mehr die seelenlose
Kreatur, die kaum Lust von Schmerz unterscheiden konnte, ich kämpfte um das
Leben eines Anderen, einer Person, durch die mein Leben mir widergespiegelt
ward. Fast entmutigt ging ich gegen 3 Uhr 45 schlafen, schloß den Ofen, stülpte
das Gitter über den Käfig, knipste die Lampe aus, hoffend, daß sich alles zum
Guten wenden möge. Nach bleiernem Schlaf erwachte ich am späten Vormittag. Meine
Familie lebte schon emsig um mein Zimmer herum und ich beeilte mich nach meinen
Patienten zu sehen. Ich setzte mich im Morgenrock an den Schreibtisch. Das Tier
saß unverändert an dem Platz an dem ich es verlassen hatte. Der Atem ging
schnell und tief und die Augen waren vollständig verklebt und verschlossen.
Eilig ging ich raus, begrüßte flüchtig meine Frau und die Kinder und suchte in
der Hausapotheke nach Augenwasser. Meine Frau gab mir Kamillenkonzentrat. Einige
Tropfen verdünnte ich im Eierbecher, nahm etwas Watte und ging ins Zimmer
zurück. Zart wusch ich dem Tier die Augen frei. Als sie offen waren, sah ich
erschrocken in die tief eingefallenen Löcher, die einst den starken, knorpeligen
Blick geborgen hatten. Meine Frau trat ins Zimmer, sah sich das Tier an und
sagte:"Hat das aber große Augen". Ich gab ihr nickend recht. Ich wagte
nicht mein starkes Licht anzustellen. Dann hätte sie gesehen, wie schlecht es um
das Tier schon stand (ich fühlte mich verantwortlich für seinen Zustand und
hatte versagt). Ich erklärte ihr, daß dem Tiere die Zähne fehlten, es Schmerzen
habe und einen Schock. Daher die Appetitlosigkeit. Stolz wies ich auf den über
Nacht etwas geleerten Futtertopf. Trotz meines Optimismus sah ich an den
eingefallenen Flanken des Tieres, den Grad der Schwäche. Struppig stand der Pelz
ab, stark die Haare verlierend. Leicht streichelte ich mit dem Fingernagel den
dünnen Körper. Dann scheuchte ich die Kinder und meine Frau aus dem Zimmer und
ging frühstücken. Doch ich hatte keinen Hunger. Ich trank einige Tassen Kaffee,
steckte mir eine Zigarette an und ging (ohne Toilette zu machen) ins Zimmer
zurück. Mein Freund saß in der Ecke, schwach und hilflos. Wieder versuchte ich
ihn zum Essen zu bewegen. Nach einem Einfall erhob ich mich und holte aus einem
Schränkchen eine Plastiktube an der eine kleine Spritze war. Ich reinigte das
Gerät, wärmte Milch und zog sie in die Tube auf. Ich nahm das Tier in die Hand
und zwängte ihm mit sanften Nachdruck die Spitze des Spritzfläschchens zwischen
die Kiefer. Dann pumpte ich ihm Milch ein. Und wirklich! Es schluckte, wenn auch
schwach und zögernd. Befriedigt ging ich ins Badezimmer und kleidete mich an.
Dabei überlegte ich wie ich den vermeintlichen Schock des Tieres überwinden
könnte. Ich befürchtete daß die Entkräftung schon so stark war, daß auch der
größte -wiederkehrende- Lebenswille nichts mehr ausrichten könnte. Gesellschaft!
Das war es! Ich holte den anderen Käfig und stellte ihn daneben. Unruhig
schnüffelte das unverletzte Tier herüber. Mir war das nicht genug und verstärkte
die Dosis: Ich hob das gesunde rein in den anderen Käfig und siehe der Verletzte
riß die Augen auf, bewegte sich drohend zum Eingedrungenen und zeigte sich
voller Mut und Lebenskraft. Nun hoffte ich nur mehr auf den Appetit meines
Freundes. Doch nichts geschah. Bald wandte er sich ab und ließ den einst
Unterlegenen ruhig grollen und plustern. Der andere scharwenzelte heran und
drückte ihn aus seiner Ecke. Und noch einmal hob er sein Löwenhaupt, schüttelte
majestätisch den anderen ab und stützte dann leise seien Kopf gegen die
Gitterwand. Der andere lief aufgeregt umher und begann ihn zu bespringen. Und in
diesem Augenblick wurde mir klar, daß es mit dem Tier zu Ende ging. Es war
neutral geworden. Desinteressiert und geschlechtslos. Der Geschlechtsgeruch war
verschwunden. Es hatte auch nichts mehr gelassen, seit 20 Stunden! Noch einmal
keimte in mir Hoffnung, als ich ihn einen Mohrrübenstreifen des anderen anbeißen
sah (ich hatte zur Stimulanz das Futter getauscht), doch das war dann alles.
Ruhig nahm ich das Gesunde aus den Käfig, gab es in seinen zurück und trug ihn
ins Zimmer der Kinder. Dann rief ich die Kinder und sagte ihnen, wenn sie sehen
wollten wie jemand sterbe, so sollten sie kommen. Sie kamen. Nach einigen
Minuten bat ich sie aus dem Zimmer. Allein mit ihm hob ich ihn aus dem Käfig
-seinem Heim- und hielt ihn in den Händen. Schwach lag er gegen meine
Handfläche. Noch einmal versuchte ich ihn mit Milch zu füttern, doch er
schluckte nicht mehr. Alles lief wieder raus und verklebte das Fell. Als ich ihn
auf seinen Platz zurückstellte schwankte er etwas und hockte schließlich schief
gegen das Gitter. Ich rauchte ruhig, richtete die Lampe auf ihn (um seinen
erkaltenden Leib zu wärmen) und wartete. Endlich erhob ich mich, holte Watte und
die Flasche Tri-Chlor, tränkte die Watte und hielt sie ihm leicht gegen das
Gesicht. Er senkte sich tief zur Seite in die Sägespäne hinein. Noch zuckte er,
fast würgend, sein Atem ging noch schwach. Ich ließ noch einige Tropfen des
Gifts auf die Watte fallen und drückte sie ihn wieder sachte an. Er starb, den
Kopf vergraben in der Watte, in der atypischen Lage des Nagers, fast auf dem
Rücken liegend. Ich nahm eine Zeitung und hob ihn langsam hinein. Ich faltete
die Zeitung streng und fast rechteckig, sodaß er nicht gequetscht wurde. Dann
schob ich alles in eine Plastiktüte, die ich wieder in eine Zeitung einschlug.
Die Plastiktube, den Eierbecher, den Puppenlöffel, die Untertasse, das ganze
nicht benutzte Essen, alles gab ich dazu. Es war überflüssig geworden. Der
zweite Nager ging 4 Wochen später ohne ersichtlichen Grund ein. Vielleicht
hatten wir die Lust verloren an der Haushaltung eines Meerschweinchens.
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