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Das 10.Kapitel Der Erwählte empfiehlt sich als Führungskraft. Das misstrauische Volk erkennt nicht Seine INNERE Sicht der Welt; es beschuldigt Ihn der Gotteslästerung und will Ihn steinigen. 1 "Amen, Amen, ich sage euch: Wer nicht zur Tür hineingeht in den Schafstall, sondern steigt anderswo hinein, der ist ein Dieb und ein Räuber [Mörder]. 2 Der aber durch die Tür hineingeht, der ist Hirte der Schafe. 3 Dem macht der Türhüter auf, und die [eigenen] Schafe hören [auf] seine Stimme; und er ruft seine Schafe mit NAMEN [denn sie gehören zu ihm] und führt sie hinaus. 4 Und wenn er alle seine Schafe hinaus gebracht hat, geht er vor ihnen her, und die Schafe folgen ihm nach; denn sie kennen seine Stimme. 5 Einem Fremden aber folgen sie nicht nach, sondern fliehen vor ihm; denn sie kennen die Stimme der Fremden nicht." 6 Dies Gleichnis sagte Jesus zu ihnen; sie verstanden aber nicht, was er ihnen damit sagte. Ein gängiges Bild im Alten Orient und im Altertum: Der König ist zugleich der Hirte seines Volks. Auch Gott wird als Hirte oft genannt. Er legitimiert sich, indem Er davon spricht was üblich ist. Und Er ist mehr als nur das: Er führt die Schafe und Er ist die wahre einzige Möglichkeit, dass heraus geführt werden kann. Diese Schafe hören, horchen, gehorchen... Und Er warnt drohend: 7 Da sprach Jesus wieder: "Amen, Amen, ich sage euch: ICH BIN die Tür zu den Schafen. Die ´Tür´ im Orient war das Stadttor, dahinter in der engen Stadt der einzige freie Platz wo sich die Einwohner zum urbanen Gemeinschafts-Leben trafen; mit der ´Türe zu den Schafen´ war gemeint die in Jerusalem an der Ostseite der Stadtmauer gelegene Porta probatica (=Schaftor); durch dieses Tor hatte man auch Zugang zum Tempel (G.Ravasi). 8 Alle, die vor mir gekommen sind, die sind Diebe und Räuber [Mörder]; aber die Schafe haben ihnen nicht gehorcht. 9 ICH BIN die Tür; wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig [gerettet] werden und wird ein- und ausgehen und Weide finden. 10 Ein Dieb kommt zu nichts anderem als zu stehlen, zu würgen und zu schlachten. ICH BIN gekommen, damit sie das Leben, ja überreiches, haben sollen. 11 ICH BIN der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. 12 Der Mietknecht aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören [nicht auf ihn hören], sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht -und der Wolf stürzt sich auf die Schafe raubt und zerstreut sie-, 13 der Mietling aber flieht, denn er ist der Mietling, ihm liegt nichts an den Schafen." ICH BIN die Tür:
Siehe Joh 14,6: Jesus spricht zu ihm: "ICH BIN der Weg und
die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch
mich." Wieder die einzige Art der Selbstbezeugung.
Verwirft man sie, ist alles verworfen. Nimmt man sie hin, an,
eröffnet sich die Möglichkeit zu einem neuen,
arbeitsfähigen Weltmodell des Sinns. 14 "ICH BIN der gute Hirte und kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich, 15 [ebenso] wie mich mein Vater kennt, und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe. 16 Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden. [Andere Schafe, da Jesus nicht die ´Griechen´ hüten wollte, sondern nur sein Volk, ist dies eine spätere, heidenchristliche Einfügung: Nicht nur die Juden sondern alle Menschen sollen von ihm hören und betreut werden.] 17 Darum liebt mich mein Vater, weil ich mein Leben lasse, [auf] dass ich's wieder nehme. 18 Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir selbst. Ich habe Vollmacht, es zu lassen, und habe Vollmacht, es wiederzunehmen. Dies Auftrag habe ich empfangen von meinem Vater." Da schimmert kurz seine -sonst verdeckte- Herrschaftlichkeit durch: Er spricht unbetont, wie nebenbei. Er spricht (schon) von den Seinen, die Er kennt und die Ihn (er)kennen. Ist es nun soweit oder doch nur Ungeduld des Evglstn.? Und Er spricht von Seiner Möglichkeit der Wahl. ´Sein Tod ist nicht einfach ein Schicksal sondern freie Tat´ (R.Bultmann). Er, der Unfreieste, ist frei wie keiner. Und dabei spuckt Er aller Menschen-Macht der Menschen-Welt ins Gesicht. Dabei ist Er kurz Er selbst, nicht mehr nur LOGOS für Seinen VaterGott: Es flackert in Ihm das Personelle, das Hiersein auf. Und wird sofort wieder gebunden durch den Auftrag des Vaters. 19 Da entstand abermals Zwietracht unter den Juden wegen dieser Worte. 20 Viele unter ihnen sprachen: "Er hat den Teufel und ist verrückt; was hört ihr ihm zu?" 21 Andere sprachen: "Das sind nicht Worte eines Besessenen; kann denn der Teufel die Augen der Blinden auftun?" Dass auch die ´braven´ (=machtlosen) Juden auch hier waren, kann immer unterstellt werden. Gut möglich ist, dass sich versprengte Sympathisanten des Aufstands am Laubhüttenfest wiedergefunden haben und nun bohrend wissen wollen, was Seine Führerschaft bewirken solle. Siehe früher bei Mk 3,21: »Und als es die Seinen hörten, machten sie sich auf und wollten ihn festhalten; denn sie sprachen: Er ist von Sinnen.« Überall ist der Offenbarer im Unbekannten und in Schwierigkeiten! Die Zeit eilt dahin, es ist Seine Zeit: 22 Und es war das Fest der Tempelweihe in Jerusalem, und es war Winter. 23 Und Jesus ging umher im Tempel in der Halle Salomos. 24 Da umringten ihn die Juden und sprachen zu ihm: "Wie lange hältst du uns im Ungewissen? Bist du der Messias, so sage es frei heraus." Winter: Die Jahreszeit bildet die Offenbarungszeit ab (R.Bultmann). Noch erwarten sie den davidischen Gottkönig als ihren Christus. [Noch hundert Jahre später werden sie bei Simon Bar-Kochba glauben, nun sei er vom Himmel gekommen, der gesalbte -kriegerische- König] Der Offenbarer wird wieder seine Wunder aufzeigen. Daraus lässt sich nicht ein Siegeszug entwickeln. Masslos enttäuscht und auch irritierend aufgebracht von den erschreckten ´Frommen´ verschlechtert sich die Stimmung. Der Evglst. lässt Ihn unverdrossen weiter sprechen, das ist nun reine dialektische Theologie und bezaubert und stärkt nur die bereits an den Neuen Bund glaubenden, in der Sicherheit des Glaubens Befindlichen. 25 Jesus antwortete ihnen: "Ich habe es euch gesagt, doch ihr glaubt [es] nicht. Die Werke, die ich tue in meines Vaters Namen, die zeugen von mir. 26 Aber ihr glaubt nicht, denn ihr seid nicht von meinen Schafen. 27 Meine Schafe hören [auf] meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir [nach]; 28 und ich gebe ihnen das Ewige Leben, sodass sie nicht zugrunde gehen [verloren gehen]. Und niemand wird sie aus meiner Hand reissen. 29 Mein Vater, der sie mir gegeben hat, der grösser als alles ist, und niemand kann sie entreissen der Hand des Vaters. 30 Ich und der Vater sind eins." 31 Da hoben die Juden abermals Steine auf, um ihn zu steinigen. W.Jens: »So hat er gesprochen; die Juden aber, Feinde des Juden Jesus, hoben Felsstücke auf, weil sie ihn steingen wollten.« Immer wieder der Hinweis, dass die Juden einen der ihren bedrängen! Aber Jens will auf den JUDEN Jesus verweisen. Es ist aussichtslos. Jedes Argument für Seine geordnete Welt des Geistes (der Vorstellung der Welt in Gottes liebevollem Geordnetsein) entfernt Ihn aus der blutvoll schlichten Zeitenwelt. Auch Sein Verweis, dass Er die Seinen gegen alle Unbill hüten wird, weil der VaterGott sie Ihn anvertraut hat und aus des Vaters Hand niemand sie entreissen kann, und Er die Schafe nicht nur beschützt und weiter führt, weil es Seine Aufgabe und Sein Wille ist, sondern auch weil Er Eins IST mit dem VaterGott und nichts aufstehen kann gegen das EINE, GANZE. Die Juden hören nur von unmöglichen, seltsam fremden Familienangelegenheiten. Darauf wollen die Juden Ihn (nur) steinigen. Die Römer werden Ihm die Schande des römischen Mordens ´auf dem Holz´ antun (müssen?). Ungerührt und wie im Sturm nicht wankend, wie ein guter Rabbi, spricht Er weiter, disputiert: 32 Jesus sprach zu ihnen: "Viele gute Werke habe ich euch erzeigt vom Vater [weil der Vater es so wollte]; wegen welches dieser Werke wollt ihr mich steinigen?" 33 Die Juden antworteten ihm und sprachen: "Wegen eines guten Werkes steinigen wir dich nicht, sondern wegen der Gotteslästerung, denn du bist [doch nur] ein Mensch und machst dich selbst zu Gott." 34 Jesus antwortete ihnen: "Steht nicht geschrieben in eurem Gesetz: »Ich habe gesprochen: Götter seid ihr«? Statt ´in
eurem Gesetz´ auch in euren Schriften. Siehe
in Psalm 82,5-7: » 5 Sie lassen sich nichts sagen und sehen
nichts ein, sie tappen dahin im Finstern. Darum wanken alle
Grundfesten der Erde. 6 Wohl habe ich gesagt: Ihr seid Götter
und allzumal Söhne des Höchsten; 7 aber ihr werdet
sterben wie Menschen und wie ein Tyrann zugrunde gehen.«
und in 2.Mose 7,1.2: »1 Der HERR sprach zu Mose: Siehe, ich
habe dich zum Gott gesetzt für den Pharao, und Aaron, dein
Bruder, soll dein Prophet sein.« 35 Wenn er [Gott] die [Menschen] Götter nennt, zu denen das Wort Gottes geschah [weil er zu ihnen spricht] -und die Schrift kann doch nicht gebrochen werden-, 36 wie sagt ihr dann zu dem, den der Vater geheiligt und in die Welt gesandt hat: Du lästerst Gott -, weil ich sage: ICH BIN Gottes Sohn? 37 Tue ich nicht die Werke meines Vaters, so glaubt mir nicht; 38 tue ich sie aber, so glaubt doch den Werken, wenn ihr mir nicht glauben wollt, damit ihr erkennt und wisst, dass der Vater in mir ist und ich in ihm." 39 Da suchten sie abermals, ihn zu ergreifen. Aber Er entging ihren Händen. Wieweit diese rabbinische Beweisführung ein mehrfach überarbeiteter redaktioneller Einbau ist, ist nicht wichtig, denn beides zeugt von Seiner defensiven Stellung. Er hält sich abseits, weist mit schwächlicher Geste auf das Schrifttum: Wenn Gott die Menschen Götter nennt, so ist das unverständlich. Die Juden und alle Menschen sind nicht (mehr) in der Lage das Gleichberechtigte der Gotteskindschaft zu verstehen; wer das von ihnen fordert, setzt sie ins schuldlose Unrecht, denn sie haben in einem langen Lernprozess gelernt den EINEN Gott als den ihren zu verstehen und reduzierten durch ihr Verstehen das Unbegreifliche, Aussermassliche, das wie GANZE... So kann das ´Volk´ nicht gewonnen werden. Und trotz nachösterlicher Sicht des Evglstn. fehlt hier die eigentliche, freudige Kraft des Sinns. Wie um sich selbst nicht befreien zu können, fehlt dem Befreier das blind schillernde Motivierende! Eher ist es ein tiefgründiges Stillesein, eher ein Verzagtsein aber nicht ganz. Und es ist wie wortlos, es ist nur die Kommunikation eines Hintergrundrauschens und so beginnt die (den ´Verstand´) beschämende Konsequenz, dass man Seiner immer gedenken wird müssen. Und damit schliesst sich der Kreis: Jesus beendet Seine öffentliche Wirksamkeit. Er kehrt an den Ort zurück von dem Er aufgebrochen war: in die Gegend östlich des Jordan, zum einstigen Wirkungsplatz des Täufers. Hier wird nicht mehr getauft. Die Menschen haben lebendige Erinnerung an Johannes und sie sind in einer -ihm verpflichteten- asketischen Sekte organisiert und der Evglst. lässt sie, selbstverständlich, nur für den Erwählten sprechen: 40 Dann ging Er wieder fort auf die andere Seite des Jordans an den Ort, wo Johannes zuvor getauft hatte, und blieb dort. 41 Und viele kamen zu ihm und sprachen: "Johannes hat kein Zeichen getan; aber alles, was Johannes von diesem gesagt hat, das ist wahr. " 42 Und es waren viele am anderen Ufer des Jordan, die ihm vertrauten [an ihn glaubten und durch ihn zum Glauben kamen]. Die Missionsarbeit des frommen Juden Jesus, der sich aus der praktikablen Lebensform des ´Gesetzes´ heraus bewegt hat und seinen Mitmenschen anbietet eine Möglichkeit, dem Alltag der liturgischen Gerechtigkeit (Gerichtetheit) zu entfliehen und in fortentwickelter Dialogik mit dem Allerhöchstem, die Wahrheit für sich sinnvoller zu treffen, wird krämerhaft und grob wortwörtlich missverstanden. Die Frommen wollen nicht seine beunruhigende Interpretation, auch sie -wie alle- stehen im Existenzkampf: Seinen eher vagen Ankündigungen und wie absurden Versprechungen können sie nicht trauen; sie glauben der Konvention, auch eher sich selbst und Rückhalt bietet eben nur die ´Tora´, das heilige System. Eigentlich ist alles was Er sagt nicht ein Mehr an Sicherheit und Freude, sondern hochgradig unpraktikabel. Der flirrende Reiz Seiner Lehre (von der Feindesliebe) ist nicht deren Umsetzfähigkeit, sondern die Unmöglichkeit, sie zu realisieren! Und schon das TEILweise erfüllen, bindet (zuviel?) Kraft aus dem ´Kampf ums Dasein´ und wird wie höchster Luxus und ewige Sehnsucht nach ORT- und ZEITlosigkeit. 06-1996//02.2005//11.2005// |