15.Kapitel

Der Erwählte lehrt und vertieft Sein wichtigstes Gebot.

1 ICH BIN der rechte Weinstock*, und mein Vater der Weingärtner. 2 Eine jeglich Rebe an mir, die nicht Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jegliche, die da Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe. 3 Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. 4 Bleibet in mir und ich in euch. Gleichwie die Rebe kann keine Frucht bringen von ihr selber, sie bleibe denn am Weinstock, also auch ihr nicht, ihr bleibet denn in mir.

*W.Jens: »ICH BIN der Weinstock. Ich- und kein anderer unter den Juden!- ...«
[H.Menge zu Vers 4 in eine Bedingung gebunden: »Bleibt in mir, so bleibe ich in euch«]
Unstreitig das Bekannte, der Weinstock (der mandäische Lebensbaum). Und Er ist der echte und wahre. Und Er schildert Seine Funktion der Nähe, diese ist nicht nur freudenspendend sondern verpflichtet die Jünger, Seine Lehre (das Grundgebot der Nächstenliebe) zu befolgen. Dass der Winzer einst Reben wegnehmen könnte kann sie nicht betreffen, wenn sie bei Ihm bleiben. Und fast drohend schildert Er das Andere. [Was immer die Kirchen daraus abgeleitet haben, ihnen war keinerlei Recht vom Erwählten gegeben!]

5 ICH BIN der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viele Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun. 6 Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und müssen brennen. 7 So ihr in mir bleibet und meine Worte in euch bleiben, so werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren [gegeben]. 8 Darin wird mein Vater geehrt, dass ihr viel Frucht bringet und werdet meine Jünger. 9 Gleichwie mich mein Vater liebt, also liebe ich euch auch. Bleibet in meiner Liebe! 10 So ihr meine Gebote haltet, so bleibet ihr in meiner Liebe, gleichwie ich meines Vaters Gebote halte und bleibe in seiner Liebe. 11 Solches rede ich zu euch, auf dass meine Freude in euch bleibe und eure Freude vollkommen werde. 12 Das ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebet, gleichwie ich euch liebe. 13 Niemand hat größere Liebe denn die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde.

R.Bultmann: "...indem die höchste Möglichkeit der Liebe genannt wird: die Hingabe des Lebens für die Freunde." In einer Fussnote wird von der noch höheren Liebe gesprochen, sein Leben für die Feinde zu opfern (!). Letztes ist nicht denkbar (obwohl vorstellbar) und wohl krankhaft, weil den persönlichen Pragmatismus grotesk verletzend. Ferner: Das überschwängliche Versprechen das Leben für die Freunde zu geben , kann nur ´sinnvoll´ sein, wenn jene dadurch errettet würden. Hier geht der Erwählte mit extremen Anspruch unschuldig und eigentlich wirkungslos voran. Von der vordergründigen Wirkung abgesehen, die Sein Opfertod auf masslose und romantisch normalgemeine Menschen hat, kann nur für schwärmerische, mystische Sklavengemüter der Appell zur selbstzerstörerischen Hingabe erkennbar sein. Ob diese ´Märtyrer´ über das in uns veranlagte Selbstzerstörerische (als ´Sinn´ gebendes) hinaus -ohne- oder mit Gottvertrauen ihr Leben liessen, sei -weil ungeeignet zum Nachdenken und daher deutungslos(!)- nicht erörtert.
Der Offenbarer gebietet ihnen, sich einander so zu lieben, wie Er sie liebt. Also ist es unmöglich Seinem Gebot zu genügen. Die Grenzenlosigkeit Seiner herrischen Liebe eröffnet ihnen das immerwährende Bestreben zur Zivilisierung der Welt. Denn nur in Seiner Geborgenheit ist das Nächste ordentlich und ordnend zu bedenken. Und der Evglst. weist wieder die Gemeinde auf die freiwillige Hingabe des Offenbarers hin. Der Erwählte herrscht über Tod und Leben und so wie Er als der Gute Hirte sein Leben für die Schafe geben würde, so auch hier, denn Er muss Seine lieben Kinder verlassen, damit sie erwachsen werden können. Die Herrschaftlichkeit des Offenbarers kann offensichtlich nur mit der Vernichtung Seiner (menschlichen) Existenz dargestellt werden kann, als Quittung für Sein Bemühen, die Welt zu zivilisieren; und sie birgt in sich den unerträglich köstlichen Widerspruch unerhellter, trostvoller, hingebungsvoller, Hoffnungslosigkeit. Aus dieser heraus kann sich entwickeln das (nicht infantile) Modell der hingebenden Fürsorglichkeit, nämlich die Problemstellung der allgemeinen Wohlfahrt. Das beginnt, im Ansatz, als Verpflichtung des täglichen Sorgens um den Nächsten und lässt so hinter sich das erste, richtige aber nicht rechte, das vulgäre, allgemeine Überlebensprinzip, das auf keinem Fall gelten darf, obwohl es immer hier ist und gilt. Also muss der den guten Juden Jesus liebende, sich gegen die lakonische Natur stemmende Mensch positiver TEIL des Schicksal der Bedürftigen werden, muss sich mit seinem Existieren hineinreklamieren in das Mächtigkeitsverhältnis des WERDENS, dann hat er den Mensch der Menschen verstanden und wird Seiner Liebe würdig sein. Seine Liebe erzeugt das Unmögliche des Erbarmens: der durch den Kampf ums Überleben konzentriert vernebelte Mensch sieht plötzlich (wenn er Glück hat!) wie durch stürmische Wolkengebirge des Erlösers strahlendes, gleissendes Licht: Barmherzigkeit, die schwesterliche Liebe tritt auf und im WERDEN wird sie dem Spender zur zweiten Natur. In ihrer Beisshemmung und zuträglicher Hinneigung wird sie erzeugen das Köstlichste was die Kreatur Mensch vermag, mehr als fürsorgliche Uneigennützigkeit: Zivilisation! Sicherheit! Humanität!

14 „Ihr seid meine Freunde, so ihr tut, was ich euch gebiete. 15 Ich sage hinfort nicht, dass ihr Knechte seid; denn ein Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Euch aber habe ich gesagt, dass ihr Freunde seid; denn alles, was ich habe von meinem Vater gehört, habe ich euch kundgetan. 16 Ihr habt mich nicht erwählt; sondern ich habe euch erwählt und gesetzt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibe, auf dass, so ihr den Vater bittet in meinem Namen, er's euch gebe. 17 Das gebiete ich euch, dass ihr euch untereinander liebet.

W.Jens deutlich: »Doch vergesst niemals das eine: das Größte! Liebt einander und habt Vertrauen zu eurem Nächsten.«

18 So euch die Welt hasst, so wisset, dass sie mich vor euch gehasst hat. 19 Wäret ihr von der Welt, so hätte die Welt das Ihre lieb; weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich habe euch von der Welt erwählt, darum hasst euch die Welt.

Der Text verrät die aktuelle, prekäre Situation der Gemeinde(n), die von den strenggläubigen Juden und von der Obrigkeit verfolgt werden: So versucht der Evglst. mit dem Herrenwort sie zum Durchhalten zu motivieren.

20 Gedenket an mein Wort, das ich euch gesagt habe: "Der Knecht ist nicht größer denn sein Herr." Haben sie mich verfolgt, sie werden euch auch verfolgen; haben sie mein Wort gehalten, so werden sie eures auch halten.

Seine im Augenblick bescheidene Wirkung werden sie einst auch erzielen, wenn aber die Obrigkeit den LOGOS -das Aufklären vom Gottsein- nicht (mehr) hören will, wird es den ´Freunden´, den Jüngern, den Schülern, den Kindern, genauso ergehen, wie Ihm, denn diese haben durch Seine Gnade die eigene Welt verlassen müssen und sind nun erwählt und für immer gefährdet. Und nun sagt Er, was die in der Finsternis Lebenden tun werden: Sie werden die größte Sünde begehen, die Sünde der nur machenden nicht bewahrenden Menschen-Welt:

21 "Aber das alles werden sie euch [an]tun um meines Namens willen; denn sie [er]kennen den nicht [mehr], der mich gesandt hat. 22 Wäre ich nicht gekommen und hätte zu ihnen gesprochen, dann hätten sie keine Sünde; nun aber können sie nichts verwenden, ihre Sünde zu entschuldigen. 23 Wer mich hasst, der hasst auch meinen Vater. 24 Hätte ich nicht die Werke getan unter ihnen, die kein anderer getan hat, so hätten sie keine Sünde. Nun aber haben sie es gesehen und hassen doch beide, mich und den Vater. 25 Doch das erfüllet wird der Spruch, in ihrem Gesetz geschrieben: »Sie hassen mich ohne Ursache [Grund]«. 26 Wenn aber der Tröster [der Beistand] kommen wird, den ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird zeugen von mit [für mich]. 27 Und ihr werdet auch zeugen, denn ihr seid von Anfang an bei mir gewesen."

[Zu Vers 21: Siehe viel detaillierter in Mt 5,11 und Mt 10,22.24]
Der Evglst. fügt ein Zitat ein, denn er will das Verknüpfen des Erwählten mit dem Schicksal aller Welt aufzeigen. Dazu bedarf es nicht, denn wer nachdrücklich das Wiederverstehen der höchsten Ordnung verlangt, macht sich nur Feinde, denn es gibt nur Kampf oder Unterwerfung (für die ´eigene´ Anschauung). Und was Er will, dass der Geist der Wahrheit zum wirklichen Verstehen der Ordnung Gottes verhelfen soll, das ist (wie) unverständlich und zu weltfern. Nicht mehr Soll und Haben bringe mehr oder weniger Wohlverhalten und den Himmel mit dem Ewigen Leben, nein, das System, die Funktion Lieben in Gott (in seinem Vorbild, in seiner Allmacht) soll (und muss) gelernt werden. Was haben die Kirchen -nach dem sie sich zur Unternehmung formen konnten- daraus gemacht, mit ihrer dreist saturierten Glaubenswirklichkeit!

06-1996//02-2006//03-2009//