Das 21.Kapitel

Der Erwählte ordnet seine Nachfolge.

[Es gilt als unstrittig, dass dieses Kapitel von einer anderen Autorengruppe später hinzugefügt wurde. Es zeugt vom aufkommenden erheblichen Nachbesserungs- und Erklärungsbedarf der Gemeinde(n) und weist auf eine frühe (!) Erstfassung, die zT verzeichnet und überlagert wurde]

1 Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern an dem Meer von Tiberias. Er offenbarte sich aber so: 2 Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, genannt Zwilling, und Nathanael von Kana aus Galiläa und die Söhne des Zebedäus und andere zwei seiner Jünger.

W.Jens: »Und dies war nun das dritte Mal, dass Jesus den Schülern erschien, nachdem Er auferstanden war von den Toten, und dieser Bericht wäre hier zu Ende, hätte es nicht, nach dem Mahl, das Gespräch gegeben, das ich aufzeichnen muss: das Gespräch mit Petrus, der Jesus verraten hatte in der Nacht, ehe der Hahn schrie.« Sehr modern, sehr sachlich! Selbstverständlich keine Wortwörtlichkeit!

3 Spricht Simon Petrus zu ihnen: "Ich will fischen gehen." Sie sagen zu ihm: "So wollen wir mit dir gehen."

In Lk 5,-11 wird eine Fischergeschichte erzählt. Vielleicht gibt es eine gemeinsame Traditions-Quelle, deren Text hier nachösterlich erweitert und aufgewertet wurde.

Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot; und in jener Nacht fingen sie nichts. 4 Als es aber Morgen ward, stand Jesus am [Steil]Ufer; aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war.

Man beachte: Wieder, wie am Grabe, wird der Erwählte nicht in der Wirklichkeit des AUSSEN erkannt. Der Lieblingsjünger aber, mit seinem vollen Herzen und auch in der Gewissheit geliebt zu werden, erkennt den Ersehnten.

5 Spricht Jesus zu ihnen: "Kinder, habt ihr nichts zu essen?" Sie antworteten ihm: "Nein." 6 Er aber sprach zu ihnen: "Werfet das Netz zur rechten [richtigen, der „Glücks-“] Seite des Bootes, und ihr werdet finden." Da warfen sie [es aus], und konnten es nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische. 7 Da spricht der Jünger, welchen Jesus lieb hatte, zu Petrus: "Es ist der Herr!"

Die Enthüllung des Lieblingsjüngers liegt auf der Hand, aber für den Vortrag in der Gemeinde ist das ein Hinweis und Beweis des Glaubens und letztlich eine Aufwertung und Verwirklichung: Dieser Jünger muss tatsächlich im Kreis um Jesus und auch der Gemeinde bekannt gewesen sein.

Als Simon (der) Petrus hörte, dass es der Herr war, gürtete er das Hemd um sich (denn er war nackt) und warf sich in den See [um zu Ihm ans Ufer zu eilen].

Wieder der Wettstreit: Petrus will Ihn vor den anderen Jüngern und speziell vor dem Lieblingsjünger erreichen. Jesus steht am Ufer, heiter wartend, die Jünger kommen mit dem Boot, steigen aus, das volle Netz zurück lassend. Jesus spricht zu ihnen und eifrig zieht Petrus allein das übervolle Netz an Land. Schon wird der nun (zur Zeit der Abfassung des Evglms.) erwünschte Führungswechsel angedeutet.
Nebenbei einige (Text)Unklarheit: Sie werden zum Fischfang geschickt weil sie mit leeren Netzen waren; das Wunder ist der große Fang und plötzlich brennt am Ufer das Feuer und Fisch und Brot gibt es bereits, auch das ein Wunder.


8 Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot [ans Ufer], denn sie waren nicht weit vom Lande, sondern nur 200 Ellen, im Schlepp das Netz mit den Fischen. 9 Wie sie nun ausgestiegen sind ans Land, sahen sie ein Kohlen[feuer] [an]gelegt und Fische darauf liegen und Brot. 10 Spricht Jesus zu ihnen: "Bringt her von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt!" 11 Simon Petrus stieg hinein und zog das Netz auf das Land; voll großer Fische, hundert und dreiundfünfzig.* Und obwohl es so viele waren, zerriss das Netz nicht. 12 Spricht Jesus zu ihnen: "Kommt und haltet das Frühmahl!" Niemand aber unter den Jüngern wagte die Frage an ihn zu richten: Wer bist du? Denn sie wussten es, dass es der Herr war.

[Die Menge der Fische bei R.Bultmann: "...dass die genauen Angaben von Vers 11 einen allegorischen Sinn haben. Dieser kann kaum ein anderer sein als der, dass die Menge der Fische die Menge der durch die apostolische Predigt gewonnenen Gläubigen abbildet, wie es dem alten Bilde vom Menschenfischer entspricht"]
* laut Augustinus ist das die Summe der Zahlen von 1 -17.
Wissen und Ahnen. Die Erzählung ist wie geöffnet für das Andere. Es ist als wäre Er hier ohne dass es Seiner Körperlichkeit bedürfe; sie kann wie beliebig sein, Seine Identität ist unstreitig, denn Er ist der Träger der Geistesfrucht: Er ist wie der Sohn Gottes (im sich unaufhaltsam fortschreibenden Prozess).


13 Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt es ihnen, und ebenso den [Speise]Fisch. 14 Das war nun das dritte Mal, dass Jesus [sich] offenbart seinen Jüngern, nachdem er auferstanden von den Toten.

Und nun ist die Tischgemeinschaft hergestellt, Er nimmt keine Nahrung zu sich (!), und die Jünger verlieren das befremdliche Gefühl beim Essen von Seiner Hand, von Seinen Fischen, Seinem Brot. Und es beginnt der dreifache Aufruf an die kommende Führungskraft.

15. Da sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: „Simon [des Johannes Sohn] hast du mich lieber, denn mich diese haben?“ Er spricht zu ihm: „Ja, HERR, du weißt, dass ich dich lieb habe“ Spricht Er zu ihm: „Weide meine Lämmer!“ 16. Spricht Er wieder zum andermal zu ihm: „Simon Jona, hast du mich lieb?“ Er spricht zu ihm: „Ja, HERR, du weisst, dass ich dich lieb habe“ Spricht Jesus zu ihm: „Weide meine Schafe!“ 17. Spricht Er zum drittenmal zu ihm: „Simon Jona, hast du mich lieb?“ Petrus ward traurig, dass Er zum drittenmal zu ihm sagte: Hast du mich lieb? und sprach zu Ihm: „HERR, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich lieb habe“ Spricht Jesus zu ihm: „Weide meine Schafe! 18. Wahrlich, wahrlich ich sage dir: Da du jünger warst, gürtetest du dich selbst und wandeltest, wohin du wolltest; wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und führen, wohin du nicht willst.“ 19. Das sagte Er aber, zu deuten, mit welchem Tode Er Gott preisen würde. Und da Er das gesagt, spricht Er zu ihm: „Folge mir nach!“

Der Wankende bekommt die Möglichkeit aus seiner Angst das Bedingungslose zu destillieren: Eindeutiges und zweifaches Nachfolgen: Petrus muss Missionsarbeit leisten und seine Ende wird ein Märtyrertod wie der seines Herrn sein! Jedoch: Petrus Tod war bereits Geschichte, so kann die Klammer fester gefasst werden, es gibt ja seine Kameraden (und fern, hineingespiegelt, bei den Heiden, den erfolgreichen Paulus!). Doch die Redaktoren entwickeln eine eher schwache Antwort auf die schwelende Frage nach dem Tag der Wiederkunft des Erhabenen.

20. Petrus aber wandte sich um und sah den Jünger folgen, welchen Jesus lieb hatte, der auch an Seiner Brust beim Abendessen gelegen war und gesagt hatte: HERR, wer ist's, der Dich verrät? 21. Da Petrus diesen sah, spricht er zu Jesus: „HERR, was soll aber dieser?“ 22. Jesus spricht zu ihm: „So ich will, dass er bleibe, bis ich komme, was geht es dich an? Folge du mir nach!“ 23. Da ging eine Rede aus unter den Brüdern: Dieser Jünger stirbt nicht. Und Jesus sprach nicht zu ihm: "Er stirbt nicht", sondern: "So ich will, dass er bleibe, bis ich komme, was geht es dich an?" * 24. Dies ist der Jünger, der von diesen Dingen zeugt und dies geschrieben hat; und wir wissen, dass sein Zeugnis wahrhaftig ist.

* Offensichtlich ist der Lieblingsjünger bereits gestorben bei der Abfassung des Evglms und die verwirrte Gemeinde muss wegen der Nichterfüllung der Wiederkehr dialektisch gerüstet werden. W.Jens in Vers 24: »Dieser Jünger aber -ich, Johannes, bezeuge: So ist alles in Wahrheit geschehen. Ich hab´ es gesehen. « Eine Lesart die eingebürgert ist: Einen Johannes hat das Evglm. als Autoren-Zuordnung. Aber auch dieser Jünger hat die Wiederkehr nicht erlebt und so muss schichtweise die vergangene unerlöste Zeit eingearbeitet werden. Wenn auch nicht sehr geschickt. Beim gemeinsamen Lesen in der Gemeinde gab es wohl einige mündliche Erklärungen der Lehrer dazu...

25. Es sind auch viele andere Dinge, die Jesus getan hat; so sie aber sollten eins nach dem andern geschrieben werden, achte ich, die Welt würde die Bücher nicht fassen, die zu schreiben wären.

Siehe Psalm 106,2 »Wer kann die großen Taten des HERRN alle erzählen und sein Lob genug verkündigen? «

11.2003//03.2006//12.2008//