Das 7.Kapitel

Der Offenbarer versucht dem Volk Seine Vorstellung vom Sinn Seiner Existenz zu vermitteln. Sie aber wollen Ihn nicht verstehen.

[Siehe Textverlauf Kapitel 5 und 6 oder Kapitel 10 und 11. Lassen wir es so sein wie es im Evglm. heute zu uns kommt! Auch im Traum sieht man hellwach Unordnungen, trotzdem ist die (Traum)-Wirklichkeit jetzt.]

1 Danach zog Jesus umher in Galiläa; denn Er wollte nicht in Judäa umherziehen, weil ihm die Juden [dort] nach dem Leben trachteten. 2 Es war aber nahe das Laubhüttenfest der Juden.

[Erntedank-Fest; Erinnerung an das Wohnen in (Laub)Hütten beim Auszug aus Ägypten, siehe Lev 23,42. Das Fest ging der Regenzeit Palästinas unmittelbar voraus (tägliches Wasseropfer).]

3 Da sprachen seine Brüder zu ihm: "Mach dich auf von hier und geh nach Judäa, damit auch deine Jünger (= Anhänger) [dort] die Werke sehen, die du tust. 4 Niemand tut etwas im Verborgenen und will doch in der Öffentlichkeit stehen. Wenn du (schon) solche Dinge tust, tritt selbst vor der Welt in Erscheinung!"

[W.Jens wesentlich informativer, natürlich nicht ´wortwörtlicher´: die Brüder sagen: »Du warst lange genug in Galiläa, jetzt solltest du auch in Judäa deinen Schülern dort zeigen, welche Wunder du tust. Sie wollen dich sehen, in ihrer Heimat! Denk daran, niemand kann im Verborgenen wirken, der etwas gelten will bei den Menschen.«]

5 Denn nicht einmal seine Brüder vertrauten auf ihn. 6 Da spricht Jesus zu ihnen: "Meine Zeit ist noch nicht da, eure Zeit ist allzeit bereit. 7 Die Welt kann euch nicht hassen. Mich aber hasst sie, denn ich bezeuge über sie [weil ich von ihr bezeuge], dass ihr [ganzes] Treiben in der Welt böse ist und ihre Werke sind schlecht. 8 Geht ihr hinauf zum Fest! Ich will [noch] nicht hinauf gehen zu diesem Fest, denn meine Zeit ist noch nicht erfüllt." 9 Das sagte er und blieb in Galiläa.

Da ist einige Andeutung zu erkennen: was und wie musste im Kreis seiner Familie kopfschüttelnd diskutiert worden sein: wie kann Einer -aus dem Nichts heraus- von Sich Ungeheuerliches behaupten und wollen dass es geglaubt wird! Was musste in Ihn gefahren sein, dass Er, statt den Zimmermann-Beruf des Vaters auszuüben, als Bettel-Prophet in den Provinzen herum wandert! Der Evglst. verbrämt die Worte der Brüder mit taktischer Weisheit, jedoch: wie furchtbar würde die ironische Verabscheuung der Familie und Nachbarn gewesen sein für einen nicht insich Gefestigten! Dem Erwecker jedoch war dies nur Hinweis, Seine Aufklärungs-Arbeit zu verstärken. Hatte Er sich nicht rüde von Seinem Herkommen getrennt, die Verwandtschaft bestritten und neue begründet, dann, wenn sie den Willen Seines ´Vaters´ erfüllten? Souverän verfügte Er über die familiäre Bindung; Er war Selbst der Kern aller Familie! Mit Ihm in der Mitte war aller Punkt der Hinwendung zu finden! Jedoch, welche wahnwitzige und wie ergebnislose Arbeit war noch vom Offenbarer zu leisten! Und Er geht später doch auf das Fest. Wieso? [War es -was historisch passen würde- der blutig niedergeschlagene Aufstand während des Festes, der Ihn in Seinem Überwissen abhielt? Die Juden waren in Aufruhr, weil bekannt wurde, dass Pilatus mit verdeckten Steuern , entnommen aus dem Opferstock (unter Duldung der Geistlichkeit) einen Viaduktbau finanzieren wollte (s. Flavius Josephus). Oder war der Grund der umgestürzte Turm von Siloah (s. Lk 13,1-4) ? Er , wie immer, nicht in fremde Händel verwickelt, vorweg wissend, wich dem aus.]

10 Als aber seine Brüder hinauf [nach Jerusalem] gegangen waren zum Fest, da ging auch er hinauf, nicht öffentlich, sondern wie im Verborgenen. 11 Da suchten ihn die Juden auf dem Fest und fragten: "Wo ist der?" 12 Und es war ein großes Gemurmel über ihn im Volk. Einige sprachen: Er ist fromm [und tüchtig]; andere aber sprachen: Nein, sondern er verführt das Volk. 13 Niemand aber redete offen über ihn aus Furcht vor den Juden [die die Macht hatten].

[Jene Juden, die der (charismatischen) Messias-Erwartung anhingen und nun meinten sie wäre erfüllt, fürchteten sich vor den Juden, die im Erwählten nicht den Messias sondern nur einen Störenfried sahen. Der Evglst. kann sich wieder einen Seitenhieb auf die zeitgeistlichen ´Juden´ nicht verkneifen (immerhin formt er den Text im Reiche Roms...)]

14 Schon war das Fest halb vorüber, da ging Jesus hinauf in den Tempel [Heiligtum] und lehrte. 15 Und die Juden verwunderten sich und sprachen: "Wie kann dieser die Schrift verstehen, wenn er es doch nicht gelernt hat?"

Hier -wie nebenbei- überstürzen sich die Ereignisse, fordert Er die Macht heraus: Er als wanderpredigender Handwerker lehrt im Tempel! Siehe Mt 13,54-57. Und Schrift verstehen, Lesen lernen nur mittels der (Heiligen) Schrift ergab in dieser Zeit die Doppelbedeutung: wer Lesen kann, hat nur mittels der Heiligen Schrift lesen gelernt! Was aber nicht bedeutete die Schrift (die 5 Bücher Mose) auch nur ansatzweise interpretieren zu können/dürfen. Jesus als Sohn eines Zimmermanns (eigentlich eines Bauhandwerkers, der mit Gehilfen Häuser errichtete oder Höhlen wohnbar machte) ging sicher als Kind in die Synagoge (vor Zerstörung des Tempels Schule), um Lesen und Schreiben zu lernen. In Israel weltweit erster (!!) Versuch einer allgemeinen Schulpflicht (für Knaben), initiiert durch den pharisäischen Gelehrten Simon Ben Schetach 75 vC. Um 66-70 nC wieder aufgenommen, ab dem 2.-3.Jh andauernde Schulpflicht(!), nun in der Diaspora.]

16 Jesus antwortete ihnen und sprach: "Meine Lehre ist nicht die meinige, sondern dessen, der mich gesandt hat. 17 Wenn jemand dessen Willen tun will, wird er innewerden [erkennen], ob diese Lehre von Gott ist oder ob ich von mir selbst aus rede. 18 Wer von sich selbst aus redet, der sucht seine eigene Ehre; wer aber die Ehre dessen sucht, der ihn gesandt hat, der ist wahrhaftig, und keine Ungerechtigkeit [Selbstsucht] ist in ihm. 19 Hat euch nicht Mose das Gesetz gegeben? Und [doch] niemand unter euch hält ein das Gesetz. Warum sucht ihr mich zu töten?"

[Siehe der Brief des großen Paulus an die Gemeinde von Rom, geschrieben vor diesem Evglm., ca. 57/58 nC. Röm 2,17: »Wenn du dich aber Jude nennst und verläßt dich aufs Gesetz und rühmst dich Gottes 18 und kennst seinen Willen und prüfst, weil du aus dem Gesetz unterrichtet bist, was das Beste zu tun sei, 19 und masst dir an, ein Leiter der Blinden zu sein, ein Licht derer, die in Finsternis sind, 20 ein Erzieher der Unverständigen, ein Lehrer der Unmündigen, weil du im Gesetz die Richtschnur der Erkenntnis und Wahrheit hast -: 21 Du lehrst nun andere, und lehrst dich selber nicht? Du predigst, man solle nicht stehlen, und du stiehlst? 22 Du sprichst, man solle nicht ehebrechen, und du brichst die Ehe? Du verabscheust die Götzen, und du raubest Gott, was sein ist? 23 Du rühmst dich des Gesetzes, und schändest Gott durch Übertretung des Gesetzes? 24 Denn ´euretwegen wird Gottes Name gelästert unter den Heiden´, wie geschrieben steht (Jesaja 52,5)«]
Da die Juden unter den Römern keine Todesurteile fällen konnten, ihr ´Gesetz´ nur bei Gotteslästerung und nicht bei einer Sabbatverletzung den Tod forderte, ist hier (doppelte) Lynchjustiz gemeint. Die Tötung ausserhalb des ´Gesetzes´ würde die Blutrache beschwören und die Täter müssten auf jedem Fall getötet werden. R.Bultmann meint, die Juden seien nicht in der Lage zu erkennen, was Moses mit dem ´Gesetz´ gemeint hat und ihre Rechtsunsicherheit werde hier aufgezeigt.
Rede und Wechselrede: Seine Antwort wird die Juden nicht weiter bringen. Sie haben sich -mühsam genug über Generationen- die ´Gesetze´ einbleuen lassen. Sich annähernd daran halten ist nicht leicht. [Die pharisäischen Schriftgelehrten machten sich ein Gewerbe daraus, die Umgehung der 613 Verbote und Gebote, die zur Zeit des Jesus und Paulus gezählt wurden, durch ´Auslegung´ zu erleichtern (R.Augstein).] Ihm geht es nicht darum, denn: wer glaubt wird mit Ihm sein, wer nur das Rechte tut und nicht (an die Liebe) glaubt wird nicht die Wahrheit (die andere Wahrhaftigkeit des ´Gesetzes´ im Vaters) sehen. Spätestens hier trennt sich das Evglm. ab vom Judentum das den Glauben praktiziert: der Offenbarer will etwas von den Juden: Er bedarf nicht der guten Werke auch das nur fromme Gottgefälligsein ist Ihm sinnlos und mit Seinem Auftrag nicht vereinbar. Was Er will, ist Offenheit und kindliches Vertrauen: sie sollen einfach glauben (Ihm, der als Menschensohn im Göttlichem Gefüge lebt, vertrauen) und daraus wird sich der rechte Weg ergeben. Aber sie sind weit weg, sie diskutieren mit Ihm, sie sind empört und entsetzt und bereit Ihn -für Seinen Frevel- zu vernichten, in ihrer Vorstellung, richten zu lassen. Er hat kein Recht so zu reden; Er hatte Sich heraus gestellt aus ihrer Ordnung! Und sie kennen Ihn ja, Er ist aus Nazareth, Josefs Sohn. Wer ist Er schon.

20 Das Volk antwortete: "Du bist besessen [vom Teufel]; wer sucht dich zu töten?" 21 Jesus antwortete und sprach zu ihnen: "Ein einziges Werk [hier in Jerusalem] habe ich getan, und es wundert euch alle. 22 Mose hat euch doch die Beschneidung gegeben -nicht dass sie von Mose kommt, sondern von den [Erz] Vätern- und ihr beschneidet den Menschen auch am Sabbat. 23 Wenn nun ein Mensch am Sabbat die Beschneidung empfängt, damit nicht das Gesetz des Mose gebrochen werde, was zürnt ihr dann mir, weil ich am Sabbat einen ganzen Menschen gesund gemacht habe? 24 Richtet nicht nach dem Augenschein, sondern das gerechte Urteil sei euer Urteil."

[Siehe 1.Mose 17,1-12. Abraham der erste im Bund, der beschnitten wurde. Beschnitten wurde am 8.Tag nach der Geburt, also auch am Sabbat (um dem Gesetz des Bundes zu entsprechen). Während sonst am Sabbat, ausgenommen bei Lebensgefahr eines Kranken, keine Versorgung (Arbeit) erlaubt war. Ein eher gelehrter Hinweis (R.Bultmann) dass das Beschneidungsgebot aus der Zeit der Patriarchen stamme und der EINE Gott sich Moses offenbarte als der ´Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs´ (Historisch war die Beschneidung in den Völkern des Alten Orients weit verbreitet und kam wohl über Ägypten nach Israel)]
Mit pharisäischer Logik wird darauf verwiesen, dass die Beschneidung am TEIL des Menschen ihm Heil (den Bund mit Jahwe) bringt, während Er alle TEILE, den GANZEN Menschen heilt. Ein Lehrstück. Es weist auf das radikale Aufbrechen der ´Gesetze´ durch Jesus hin. Er will sie mit dem tatsächlichen Inhalt wieder füllen. Nicht die Liturgie des Glaubenden ist wichtig, wichtig ist das wahrhafte Offensein und das glauben an die Liebe. Der Evglst. weist auf die missbräuchliche, weil engstirnige Verhaltung, der Berufs-Gläubigen (Priesterschaft) hin, die vom Volk übernommen wird. Er will (wie später der Religionsstifter Muhammad) vom neuen Anfang erzählen: Jeder sollte mit seinem Gott direkt verkehren können! Wie die Kinder (mit ihren Eltern)! Zur Zeit war das rechte (vulgäre) Wissen vom Glauben so, dass nur der beschnittene, den Sabbat ehrende und die Reinheitsvorschriften achtende, ein gläubiger Jude war. Analog Jüdin (mit Abstrichen entsprechend ihrer geringeren Wertigkeit im Altertum, dh das Praktizieren ihres Glauben war eigentlich recht unwichtig). Und wie vereinbart war den Juden, dass Gott seinen Vertrag einhalten werde, weil sie den ihren einhielten...

25 Da sprachen einige aus Jerusalem: "Ist das nicht der, den sie zu töten suchen? 26 Und siehe, er redet frei und offen, und sie sagen ihm nichts. Sollten unsere Oberen nun wahrhaftig erkannt haben, dass er der Messias [der gesalbte Herr] ist? 27 Doch wir wissen, woher dieser ist; wenn aber der Gesalbte kommen wird, so wird niemand wissen, woher er ist."

Das kann der Hinweis sein, dass der verborgene davidische Messias (auch für den Evglstn. zur Zeit der Niederschrift) nicht gekommen ist. Jesus ist also nicht Davids Nachfolger (Davids ´Sohn´)! Und damit auch nicht der zum König Gesalbte! Bei Mt und Lk gibt es (neben der jungfräulichen Geburt) ein davidisch-königliches Herkommen in Form einer unvollständigen Ahnentafel Jesu, um so die Prophezeiung zu erfüllen. Welches Motiv leitet hier den Evglstn.? War er theologisch bereit, die Herkunft Jesu unabhängig von David zu sehen, weil er wie bei Mk dieses Thema nicht für wichtig hielt? War das der Hinweis des Evglstn., dass der Erwählte schon immer in der Welt war, vor David, vor Abraham? Also mehr als jede Abstammung, SELBST das OBEN, die Wurzel? Trotzdem: Ist es sinnvoll auf die königliche Herkunft zu verzichten? War die Geschichte Jesu bereits anders etabliert, sodass die vorliegende Version tragbar wurde? Ist dieses Evglm. für die ´Griechen´, denen David nichts sagen kann? Also war Er nur der -in Sich einzigartige- charismatische Prediger, der ´Gerechte´? Der im Geiste der Wirklichkeit der Wahrheit des Glaubens an den einzigen Gott WIRD, zum königlichen Vermittler. Wie verständlich ist dann die Tötungsabsicht durch die Geistlichkeit, die nicht glauben kann! [Eigentlich für alle unannehmbar, dass Gott sich in EINEM Menschen manifestiere.] Ein bedeutungsvoller Einschub. Der Grund ist nicht klar, es sei denn die Unwissenheit der Erwartungshaltung der ´Juden´, die auf den verborgenen Messias warteten, wird hier drastisch vorgeführt.
Immerhin ein Eingriff in die Jesusgeschichte: die Zuhörer in der Gemeinde werden so herausgeholt aus ihrer Meditation und müssen sich konfrontieren lassen: folgen sie einem König oder Dem, Der von Sich unverdrossen behauptet Gottes ´Sohn´ zu Sein? Und Er argumentiert mehr oder weniger zwingend. Und doch: einige Juden scheinen plötzlich (nur an Ihn) zu glauben. Interessant dabei die widerstandsfähige Wahrheit im Text: Jesu Wort gilt, ob Er nun ein wandernder -dem Zeitgeist verhafteter- Bettelprophet ist oder der Erwählte!

28 Da rief Jesus, der im Tempel lehrte, laut und deutlich: "Ihr kennt mich und wisst, woher ICH BIN. Aber nicht von mir selbst aus BIN ICH gekommen, sondern es ist ein Wahrhaftiger [der Einzige], der mich gesandt hat, den ihr nicht kennt. 29 Ich aber kenne ihn; denn ICH BIN von ihm [her ausgegangen], und er hat mich gesandt." 30 Da suchten sie ihn zu ergreifen; aber niemand legte Hand an ihn, denn seine Stunde war noch nicht gekommen.

Bei den Synoptikern vermeidet Er solch Zeugnis, bzw die S. vermeiden in ihrem Text diese Art Darstellung! Warum aber hier? Ist Er nicht (mehr) der (verborgene) Menschensohn? Ist Er mehr, IST Er schon der Kyrios, der Herr? Es ist ein großes Rätsel warum die Autoren hier das Risiko eingehen, Jesus, völlig abweichend von der Tradition der Synoptiker, so doppeldeutig als Zimmermanns-Sohn und als der Gesandte zu zeigen. Im Vergleich zur Apostelgeschichte -dort wo um Christi Identität (=Sinn) mit allen rhetorischen Mitteln gekämpft wird- werden hier Standpunkte wie irr bestimmend und auch vage -fast aufgeberisch- nebeneinander dargestellt: Jesu kann so Sein oder so Sein (siehe später bei der Auferstehung: Er erscheint in anderer Leibeshülle!). An eine schriftstellerische Dramaturgie ist nicht (mehr) zu denken, da der Text als liturgisches, heiliges Dokument in der urkirchlichen Gruppe vorgelesen und diskutiert wurde. Ein sehr deutlicher Hinweis insgesamt, dass dieses Evglm. einer anderen, zweiten, Tradition verpflichtet ist: Nicht nur spricht hier ein Jesus von sich als ein Mittler in der im Glauben versteinten (wieder wie ungläubig gewordenen) Welt, sondern der Aufbau des Textes zeugt von einer Unstreitbarkeit, als wäre er zu vollendeten Tatsachen (etabliertes Urchristentum?) skandierend geschaffen worden. Also eher spätere Entstehungszeit oder tatsächlich früher(!), weil auf paulinischem Niveau, ohne die mythische ´Frische´ der Synoptiker?
Und: Seine Stunde ist noch nicht gekommen. Wie geborgen in einem durchsichtigen Gefäss schimmert der vorbestimmte Weg des Erlösers; nie war an Seine Rettung gedacht! Er musste hineinleben in den skandalösen Tod; Er der sündenfrei getauft wurde (dh: denn Er war ohne Sünde! [Ersparen wir uns die Reflexion über die ´Erbsünde´ und Seine erbsündenfreie weil menschenferne Herkunft von einer Jungfrau: Er war buchstäblich und leibhaftig ohne Sünde, wie nur ein Menschenkind sein kann!]). Er hat von Anfang an Sein Leben verwirkt durch Seine aussichtslos reine Wahrhaftigkeit. Und trotzdem! Sein Tod ist hier nicht nur der Auslöser zum Einstieg in das christologische Weltverständnis! Der Offenbarer spricht hier, zeugt von sich, als Einer der Tugend verpflichteter Lebender. Wie sooft ein Hinweis, dass das taktische Kalkül der Auferstehung nicht den christologischen Treibsatz allein abgegeben haben kann: So wie hier der Wunderglauben der Masse verächtlich gemacht wird, kann das Wunder der Auferstehung nicht (nur) den Weg zum Neuen Bund erklären und (wie) rechtfertigen. Wie schon angemerkt: Die Juden waren nie Christen, sondern glaubende Juden und wenn, dann innig vereint mit dem Juden Jesus!
Hier wird das ungeheure Ausmass Seiner ungewöhnlichen, persönlichen Ausstrahlung angedeutet und wird den sich bildenden Gemeinden von Zeugen und Nachfolgenden -schwärmerisch verzückt- berichtet worden sein. Und sie hineingedrängt haben in ein glühend liebendes Gedenken an den Ersehnten. Der große Paulus, der in der Fremde, bei den ´Griechen´ missionierte, konnte auf das erschütternde Wunder des Menschensohns Jesu im persönlichem Leben nicht zurückgreifen. Also musste er predigen vom entrückten, bereits geschichtlichen Menschen Jesus, musste in immer mehr steigernder Begeisterung der Unerfüllbarkeit, von Ihm reden, Seine Lehre von der Feindes-Liebe erklären, dabei Ihn übermächtig in sich und in anderen errichtend: Jesus, der Christus (=der Gesalbte), der als Offenbarer Seiner Stellung (wie) als Sohn des Einzigen Gottes in die Welt gekommen war, und dafür -weil Er darauf bestand in der Sohnesschaft zu bleiben- ermordet (entfernt) wurde und selbstverständlich als Auferstandener zum ´Vater´ heimgegangen war. So wurde es erzählt und Paulus musste die Auferstehung als Zeugnis und Mittelpunkt, als tatsächliche Einbindung in Gott, vertiefend -rückbezüglich aufwertend- erläutern.

31 Aber viele aus dem Volk glaubten an ihn [gelangten zum Vertrauen an ihn] und sprachen: "Der Messias, wenn er kommt, wird er etwa mehr Zeichen tun, als dieser getan hat?" 32 Und es kam den Pharisäern zu Ohren, dass im Volk solches Gemurmel über ihn war. Da sandten die Hohen Priester und Pharisäer Knechte aus, die ihn ergreifen sollten. 33 Da sprach Jesus: "ICH BIN noch eine kleine Zeit bei euch, und dann gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat. 34 Ihr werdet mich suchen und nicht finden; und wo ICH [dann] BIN, könnt ihr nicht hinkommen."

[Später, in 13,33, verabschiedet Er sich noch dringlicher und wie schwebend, ohne Bitterkeit.] In Ruhe spricht der Ersehnte, während die etablierte Kirche, die zugleich auch die ´staatliche´ Verwaltung unter der Besatzungsmacht ist, in Sorge und Gehorsam (vor den Römern) ihre Büttel loslässt, um Ihn zu finden und festzunehmen. Was Er sagt ist für die Zuhörer unverständlich, denn Er erzählt von Sich und von dem was Er nur wissen und meinen kann: Mit Seinem erzwungenen (oder geplanten?) Fortgehen aus der Welt (zurück nach Hause zum ´Vater´, in das unerreichbare Haus der ewigen Ideen von der Welt) wird Er sie allein lassen, es wird durch Ihn keine Zeit des Gerichts geben; sie werden Seine Wiederkehr erwarten müssen, für immer.

35 Da sprachen die Juden untereinander: "Wo will der [schon] hingehen, dass wir ihn nicht finden könnten? Will er zu denen gehen, die in der Diaspora unter den Griechen wohnen, und der Lehrer der Griechen werden?

[Diaspora (=Zerstreuung, für die Juden aber Verbannung): Hier die in allen Ländern des Altertums lebenden Juden als Minderheiten nach der Zerstörung Jerusalems 587 vC. Tatsächliche Diaspora nach der endgültigen Zerstörung Jerusalems (Aufstand des Bar-Kochba 132-135 nC), die den Juden per Todesstrafe das Betreten der (neuen) Stadt verbat.]

36 Was ist das für ein Wort, dass er sagt: Ihr werdet mich suchen und nicht finden; und wo ich bin, da könnt ihr nicht hinkommen?"

Für eine nach den richtigen Weg dürstende gläubige Menge, ist sie zu aufgeweckt und zu wenig unterwürfig (dh sie ist ohne Idee vom ETWAS, das über sie hinaus weisen könnte). Ist das die dialektisch dramatische Gestaltung des Evglstn., der (mit seinen Lesern) weiss, dass die Zeit des Einzigen kommen wird und dass es besser gesagt als verschwiegen sein soll. Oder ist Seine Rede einfach so, eben weil Er so inkommensurabel ist und es nichts weiter bedurfte, als den tapferen Worten dieses tapferen, unverdriesslichen Menschen zu folgen und alles würde sich dann wie von selbst finden? Oder bedarf es der Ausserordentlichkeit, des unmenschlichen Wunders, das in keinem Erfahrungsschatz befindliche Erlebnis von der glorreichen Wiederkehr des Erwählten? Und da sich in dieser Welt Sein Wunder nicht erfüllen konnte, so musste -geschlossenen äusseren Auges- gesehen werden das Unsehbare, und die Unmöglichkeit also, hat den Anstoss zur Erschütterung, zum (neu erfrischten) Glauben gegeben? Wird mit diesem Start der Glaube seriöser und er für immer einbezogen im Gedenken an den Einzigen Gott? Oder ist das Mummenschanz des Altertums in hellenistisch-christologischer Aufbereitung? Vielen -für sich bewusst- in der Hochzivilisation befindlichen Menschen heute, ist es unerträglich, die hochfliegende, christliche Philosophie verquickt zu sehen mit allerlei wortwörtlicher und sinnhafter Unmöglichkeit und obwohl sie wissen sollten, dass der Anfang nicht immer das Weitere schmähen muss, fühlen sie sich hier nicht wohl und bleiben fern dem Gedankengut des Erwählten.

37 Aber am letzten Tag des Festes, den allerhöchsten, trat Jesus auf und rief [und seine Stimme war laut]: "Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! 38 Und wie die Schrift sagt, wer auf mich vertraut, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fliessen."

Selbstverständlich finden sich wortwörtliche Entsprechnungen nicht in der ´Schrift´ (Joel 4,18; Sach 14,8; Hes 47,1-12), aber Jesaja 58,11: »Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.« . Auch Jer 31,12: »Sie werden kommen und auf der Höhe des Zion jauchzen und sich freuen über die Gaben des HERRN, über Getreide, Wein, Öl und junge Schafe und Rinder, dass ihre Seele sein wird wie ein wasserreicher Garten und sie nicht mehr bekümmert sein sollen. 13 Alsdann werden die Jungfrauen fröhlich beim Reigen sein, die junge Mannschaft und die Alten miteinander; denn ich will ihr Trauern in Freude verwandeln und sie trösten und sie erfreuen nach ihrer Betrübnis.«
[Der (für das NT sehr wichtige) Prophet Jesaja, ca. 770 vC geboren, wahrscheinlich Märtyrertod unter König Manasse (693-639 vC), ist d i e Zitatquelle des NT. Die Kapitel Jes 1-39 (Proto-Jesaja) gehen auf J. selbst zurück, Deutero-J. (40-55) und Trito-J. (56-66) von späteren Verfassern entwickelt. Das Werk (wie wir es kennen) liegt seit ca. 200 vC (Qumram-Rolle!) vor. Aussergewöhnliche (charismatische) Erlöser-Prophetie in Jesaja 11,1, die heute als die Messias-Prophetie gilt... Ferner der Prophet Jeremias, ca. 650 vC geboren, wohl nach 586 vC von seinen eigenen Landsleuten gesteinigt, wies auf das kommende Strafgericht Gottes, womit er sich viele Feinde schuf. Insgesamt erfolglos, s. Jer 25,3. Die Textstelle Vers 38 selbst, ist missglückt und zielt bestenfalls auf frühreligiöse Rituale, wie ´aus dem Inneren (des Körpers) sprudelndes befruchtendes Wasser´. Gemeint sei Übertreten des Geistes der Wahrhaftigkeit in Gott zum Nächsten, wie ein sprudelnder Quell (=wichtiges Symbol im wasserarmen Orient).]

39 Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten; denn noch war der [Heilige] Geist nicht da; denn Jesus war noch nicht verherrlicht worden. 40 Einige nun aus dem Volk, die diese Worte hörten, sprachen: "Dieser ist wahrhaftig der Prophet." 41 Andere sprachen: "Er ist der Christus (Messias)." Wieder andere sprachen: "Nicht doch! Soll der Christus aus Galiläa kommen? 42 Sagt nicht die Schrift: aus dem Geschlecht Davids und aus Bethlehem, dem Dorf wo David war, soll der Christus kommen?"

Schlau werden alle Gegenargumente aufgeführt und bereit gehalten und zugleich eingearbeitet. Nach der Textlage ist die Entscheidung wohl für den priesterlichen Messias gefallen? Und die Bilder als Hinweis auf die zwölf Stämme Israel, fügt sich das zusammen? Und: Ausweglose Frage in auswegloser Zeit! Es ist unvorstellbar und auch heute unmöglich, dass in sinnentleerter Zeit Einer kommt und ein lebbares Friedensreich aufzeigt. Denn aller Frieden ohne Ideologie ist nur Nichtkrieg zwischen den Kriegen und nicht das Hinleben in ein glückliches Wohlgefallen mit dem Nachbarn. Das Volk schüttelt den Kopf, räumt wohl ein, hofft, will jedoch sicherer gehen, zaudert auch wegen der antriebslosen wie bescheidenen Glückseligkeit die Er verkündet. Ist Er nun der Meister des gottseligen Verzichts -wenn auch glühend- aber doch aussichtslos ob der Wirkungsdauer in der Menschenwelt? Der Text wirft die ORTsfrage vordergründig beweiswürdigend auf: der Evglst löst durch das (geistige) Herkommen der Offenbarers jeden ORT von Ihm, globalisiert ihn.

43 So entstand seinetwegen Zwietracht im Volk. 44 Es wollten aber einige ihn ergreifen; aber niemand legte Hand an ihn. 45 Die Knechte kamen zu den Hohenpriestern und Pharisäern [zurück]; und die fragten sie: "Warum habt ihr ihn nicht gebracht?" 46 Die Knechte antworteten: "Noch nie hat ein Mensch so geredet wie dieser." 47 Da antworteten ihnen die Pharisäer: "Nicht doch! Auch ihr seid irre geführt? 48 Glaubt denn einer [von uns] von den Oberen oder Pharisäern an ihn? 49 Nur das Volk tut's, das nichts vom Gesetz weiss; verflucht ist es." 50 Spricht zu ihnen Nikodemus, der vormals [bei Nacht] zu Jesus gekommen war und der einer von ihnen war: 51 "Verurteilt denn unser Gesetz einen Menschen, ehe man ihn verhört und seine Schuld festgestellt hat?"

[Siehe 5. Mose 1,16.]

52 Sie antworteten und sprachen zu ihm: "Nicht doch! Bist du auch ein Galiläer? Forsche doch nach und lerne zu begreifen: Aus Galiläa steht kein Prophet auf." 53 Und jeder ging heim.

Nikodemus wird als wichtige Figur der Obrigkeit eingeschalten. Er bleibt sachlich, ist wie unbeeindruckt von der Sendung des Offenbarers, weil er offensichtlich nicht anfällig für einen Neuen Bund ist? Jedoch das dumme, verfluchte, ungebildete Volk, das nicht mehr Rechtes, Richtiges, vom Gesetz wissen kann, als das, was man ihm vermittelt hat; das Volk, wird verführt vom Wanderprediger, wie von jedem Verführer. Die Knechte kommen wie von einer Gehirnwäsche zurück und das ist für die Obrigkeit völlig unannehmbar: Ein gefährlicher Mann aus Galiläa, der eigentlich nichts sein konnte. Hatten die hohen Herren tatsächlich an einen kommenden Messias geglaubt, der ihre Macht nur verkleinern würde oder wird da nur eine Struktur vom Evglstn. fortentwickelt?
Der erwartete Messias sollte davidisch sein, mit dem Geburtsort Bethlehem. Und er sollte nach Möglichkeit auf sie, die Pharisäer hören, denn sie lebten gemäss der ´Gesetze´. Oder noch besser: es sollte einer aus ihrer Mitte sein! Aber nach Lage der Dinge ist es beklemmend anders. Erst das Problem mit dem Täufer, nun hier der Prediger! Vielleicht der wiedergeborene Täufer? Nichts passt hier. Also wird sich die Behörde um den Ersehnten kümmern müssen, denn Er war nicht in der Lage eine befriedende Lösung zu entwickeln. Nein! Er war beunruhigend und (herrlich) gefährlich.

03-1996//08-2005//