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Das 9.Kapitel Er heilt und der Geheilte gibt der Obrigkeit beredt und mutig Auskunft darüber. 1 Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. 2 Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: "Meister, [wer ist schuld] wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist?" Alles spricht für
sich selbst: Die antike Anschauung / Mechanik, dass der Gezeichnete
für sein Unglück wegen einer Sünde büssen
muss, dass wohl nur der Armselige, Geknechtete schuldhaft für
sein Schicksal einstehen muss. [Sklavenmentalität! Weil diese
(und viele Naive) glauben, dass das Leben ´gerecht´ ist,
wird bei Schieflage der ´Grund´ gesucht: hier also
Bestrafung für irgendeine ´Sünde´. So
ausgeglichen also entwickelt sich´s, als wäre das
Schicksal eine Buchung mit Soll und Haben und bei einigen
Unglücklichen das Konto schon vorher, vorm ersten Buchungssatz
an, mit einem negativen Vortrag, eröffnet.] 3 Jesus antwortete: "Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern das die Werke Gottes offenbar werden an ihm. 4 Wir müssen wirken die Werke dessen, der mich gesandt hat, solange es Tag ist. Es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. 5 Derweil ICH BIN in der Welt, BIN ICH das Licht der Welt. [Noch BIN ICH in der Welt, noch BIN ICH ihr Licht, weil ich lebe]" 6 Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte mit dem Speichel daraus einen Brei und strich den Brei auf des Blinden Augen. 7 Und er sprach zu ihm: "Geh hin zum Teich Siloah (das heisst übersetzt: [Gott]Gesandter) und wasche dich!" Da ging der Blinde hin und wusch sich und kam sehend zurück. [Vers 7, eher ein
verunglückter Hinweis des Evglst. auf den ´Gesandten´;
(in Hebr. Siloah=er schickt, spendet[Wasser]); hier Siloah vielleicht
auch mit Jes 8,6: »Weil dieses Volk verachtet hat die Wasser
von Siloah (..)«: Der Siloah-Kanal der die Gihon-Quelle fasste
und als durch den Fels getriebener Kanal den Teich in Jerusalem
speiste, damals bereits als wunderwirkend gesehen, weil (vom
Göttlichen) gesandtes Wasser. Das Wasser war sauber und gut zum
Trinken und ein lebendiges Wasser, dh ein Wasser aus einer
Quelle (aus der Quelle...)] 8 Die Nachbarn nun und die, die ihn früher als Bettler gesehen hatten, sprachen: ´Ist dieser nicht der, der dasaß und bettelte ?´ 9 Etliche sprachen: ´Er ist's´; etliche andere aber: ´Er ist ihm ähnlich´. Er selbst aber sprach: "Ich bin es." Der vormals blinde Bettler spricht die herrschaftliche Bezeugung ICH BIN. Und wie in seinem Lebenskreis er plötzlich durch den Erwählten ins Licht gebracht wird zum neuen Leben, so berechtigt ist er zu sagen, dass er (durch Jesu Zuwendung) für sich einmalig weltlich (und ab nun fordernd) geworden ist! 10 Da fragten sie ihn: "Wie sind deine Augen aufgetan worden?" 11 Er antwortete: "Der Mensch, der Jesus heisst, machte einen Brei und strich ihn auf meine Augen und sprach: ´Geh zum Teich Siloah und wasche dich!´ Ich ging hin und wusch mich und wurde sehend." 12 Da fragten sie ihn: "Wo ist er?" Er antwortete: "Ich weiss es nicht." Nun wird er zur Instanz geführt, an die man sich zu wenden hat (zumindest zur Zeit der Niederschrift des Textes). 13 Da führten sie ihn, der vorher blind gewesen war, zu den Pharisäern. 14 Es war aber Sabbat an dem Tag, als Jesus den Brei machte und seine Augen öffnete. 15 Da fragten ihn auch die Pharisäer, wie er sehend geworden wäre. Er aber sprach zu ihnen: "Brei legte er mir auf die Augen, und ich wusch mich und bin nun sehend." 16 Da sprachen etliche der Pharisäer: "Dieser Mensch ist nicht auf der Seite Gottes, dieweil er den Sabbat nicht hält." [W.Jens: »Das ist ein Mann ohne Gott, dieser Jesus...«] Andere aber sprachen: "Wie kann ein sündiger Mensch solche Zeichen tun?" Und es ward eine Zwietracht unter ihnen. Wieder das Wechselspiel: die gelehrte Autorität beobachtet was Er macht. Sie könnte Ihn wie göttlich (für das Wunder) einschätzen und sich freuen und auch fürchten? Aber: Er heilt am Sabbat! Als hätte der lebenslang Blinde nicht noch einen Tag warten können! Die Pharisäer wissen Bescheid: Wie immer Er heilt, Er provoziert und kann nicht von (ihrem) Gott sein. Was immer Er Gutes tun kann, viel schlechter wird die Welt durch Seine (liturgische) Sündhaftigkeit! 17 Da sprachen sie wieder zu dem Blinden: "Was sagst du über ihn, dass er deine Augen aufgetan hat?" Er aber sprach: "Er ist ein Prophet." 18 Nun glaubten die Juden nicht von ihm, dass er blind gewesen und sehend geworden war, bis sie die Eltern dessen riefen, der sehend geworden war, [W.Jens: »Die Juden aber, Feinde des Juden Jesus, glaubten immer noch nicht...« Unermüdlich verweist Jens -wie um das Antijudaistische zu neutralisieren- auf die Juden die den Juden Jesus verfolgen! Aber mit der Christianisierung haben die ´Christen´ den Juden Jesus arisiert und so wurden die Juden zu feindlichen Juden und frei gegeben zur kirchlich ´gerechten´ Empörung!] 19 und sie fragten sie und sprachen: "Ist das euer Sohn, von dem ihr sagt, er sei blind geboren? Wieso ist er nun sehend?" Die Eltern sind (zu Recht!) verängstigt und versuchen das Problem, welches das Glück ihres Sohns macht, zu umschiffen. Keine Freude, eher kühle Trostlosigkeit. Und zur Sicherheit: Die Obrigkeit soll sich selbst sachkundig machen und das Wunder verwalten (beurteilen). 20 Seine Eltern antworteten ihnen und sprachen: "Wir wissen, dass dieser unser Sohn ist und dass er blind geboren ist. 21 Wie er nun sehend ist, wissen wir nicht, und wer ihm hat seine Augen aufgetan, wissen wir auch nicht. Er ist alt genug, fragt ihn; lasst ihn selbst für sich reden." 22 Solches sagten seine Eltern, denn sie fürchteten sich vor den Juden. Denn die Juden hatten sich schon geeinigt: wenn jemand Ihn für den Christus [Messias] bekennte, der solle in den Bann getan [aus der Synagoge ausgestossen] werden. Einige Exegeten sehen bei dieser Passage nicht das aktuelle Problem zur Zeit Jesu, sondern die spätere Vertreibung der Judenchristen aus den Synagogen (durch die Juden) während der Niederschrift des Evglms. 23 Darum sprachen seine Eltern: ´Er ist alt genug, fragt ihn selbst.´ 24 Da riefen sie noch einmal den Menschen, der blind gewesen war, und sprachen zu ihm: "Gib [nur] Gott die Ehre! Wir wissen, dass dieser Mensch ein Sünder ist." 25 Er antwortete: "Ist er ein Sünder? Das weiss ich nicht; eins aber weiss ich wohl, dass ich blind war und bin nun sehend." Fast zu herrschaftlich ironisch antwortet den Glückliche (lässt der Evglst. ihn antworten). Ist es der Rausch des neuen Lebens oder hat der Evglst. ihn mit wunderbar mutvollem Geist beseelt, um auch die Geschichte voran zu bringen? Nicht ungefährlich, eigentlich unwahrscheinlich: denn wenn der Dialog eingebettet ist in die Zeit der pharisäischen Machtfülle nach der Tempelzerstörung, war die Antwort des Geheilten mehr als ungebührlich. Sollte die Quelle mündliche Überlieferung aus der Zeit von Jesu sein, so scheint die Antwort sehr wahrscheinlich im Rausche der Lichtwerdung. Der Evglst. lässt die Obrigkeit weiter forschen; egal was sie finden werden, Er, der Offenbarer, ist mit Seinem SEIN in der Welt Fremdkörper und was Er an begeisterten Freunden gewinnt, wird Ihm dann genommen werden, dann, wenn allen klar geworden ist, dass Er den Kampf gegen die Obrigkeit nicht auf Erden gewinnen wird können. 26 Da fragten sie ihn: "Was hat er mit dir getan? Wie hat er deine Augen aufgetan?" 27 Er antwortete ihnen: "Ich habe es euch jetzt gesagt, habt ihr's nicht gehört! Was wollt ihr's abermals hören? Wollt ihr auch seine Jünger werden?" 28 Da beschimpften sie ihn und sprachen: "Du bist sein Jünger; wir aber sind Moses Jünger. 29 Wir wissen, dass Gott mit Mose geredet hat; woher aber dieser ist, wissen wir nicht." 30 Der Mensch antwortete und sprach zu ihnen: "Das ist wunderlich Ding, dass ihr nicht wisst, woher er ist, und er hat meine Augen aufgetan. 31 Wir wissen aber, dass Gott die Sünder nicht erhört; sondern so jemand gottesfürchtig ist und tut seinen Willen, den erhört er. [Siehe Spr 15,29 nach H.Menge: »Von den Gottlosen bleibt der HERR fern, aber das Gebet der Gerechten vernimmt er«] 32 Von Anbeginn der Welt an hat man nicht gehört, dass jemand einem geborenen Blinden die Augen aufgetan habe. 33 Wäre dieser nicht von Gott, Er könnte nichts tun." Von einem Bettler die Rede eines Rabbis und eines Menschen, der schrittweise, wie mit dem Beginn des Erreichens der vollen Sehfähigkeit, hinübergeht zu Ihm, dem Licht. Der Evglst. ist es leid auf Wirklichkeiten der Geschichte Rücksicht zu nehmen: das Wunder ist in sich geschlossen, unstreitig und selbsterklärend! So lässt er den Bettler aberwitzig vollmundig reden (klären), eigentlich provozieren, aber nun ist er ja frei! Und das Wunder dient ja dem Beispiel der Erleuchtung; die Gemeinde versteht das, denn wer sich Seinem Licht nähert wird sehend werden... Nicht frei und offen für den Erwählten sind die irritiert abfällig Fragenden, denn obwohl sie das Geschäft mit der Sünde verstehen, kann ihnen nicht in den Kopf kommen, dass Er, der Sündenlose, bereits hier unter ihnen IST. 34 Sie antworteten und sprachen zu ihm: "Du bist ganz in Sünden geboren und [du] lehrst uns?" Und sie stiessen ihn hinaus [aus der Gemeinde der Rechtgläubigen (= Gesetzesfrommen)] aus der Synagoge. Wer gezeichnet, behindert ist, der hat gesündigt oder seine Eltern, als er noch im Mutterleib war. Der freche und nun mit dem Makel einer Heilung am Sabbat behaftete Bettler wird geächtet und Zufriedenheit kehrt zurück in die Obrigkeit. 35 Jesus erfuhr, dass sie ihn ausgestossen hatten. Und als Er ihn fand, fragte Er: "Vertraust du [den Gottgesandten] den Menschen Sohn?" 36 Jener antwortete und sprach: "Herr, wer ist das auf den ich glauben soll?" Jesus hielt sich wie verborgen, nun muss Er deutlich hervor. Bei den Synoptikern muss der Messias aus dem Verborgenen kommen, in dem Er Sich durch Taten beweist. Dort wehrt Er jeden Offenbarungswunsch der Jünger ab. Hier bei Johannes ist nicht die Frage des Beweises und daraus resultierend das hohe Geschöpf Menschensohn, sondern Er spricht unantastbar herrschaftlich von Seiner Welt. Beweise Seiner messianischen Fähigkeit erbringt Er nebenbei, weil Er nicht WERDEN kann, da Er immer schon IST; aber damit sie, die Juden, vielleicht ´glauben´. Er offenbart Sich dem einst Blinden, der Ihn aber vorher schon ´gefunden´ hatte. Dieser war nun zweifach sehend geworden. Zuerst musste der nun Sehende seinen Helfer sehen. Und obwohl er Ihn vorher nicht gesehen (er)sieht er Ihn wieder: Es ist -nicht nur der Wunsch nach Liebe und geliebt zu werden- es ist das erleuchtende Licht das ihn geführt hatte. 37 Jesus sprach zu ihm: "Du hast ihn gesehen, und der mit dir redet, der ist's." 38 Da sagte er: "HERR, ich glaube", und warf sich vor Ihn auf die Knie. 39 Und Jesus sprach: "ICH BIN zum Gericht [zum scheidenden Richtspruch] in diese Welt gekommen, damit, die nicht sehen, ICH sehend mache, und die da sehen, sollen blind werden." Ist der Mensch Jesus tatsächlich in die Menschen-Welt zu kommen um sie zu ordnen und scheiden? Ist Sein Sinn Allerweltsinn oder nur eine lokale Glosse im besetzten Israel? Die Debatte über den ´historischen´ Jesus ist hier nicht wichtig. Wer immer der Offenbarer war, Er IST unvergesslich! Ist hier aufgezeigt der erste Weg heraus aus einer lokalen Frömmigkeit in eine weltliche Bewusstseinslage, mit einem persönlichen und ORTSfreien Gott? Ist das sinnvoll für den Einzelnen, für den durch Schicksal in Israel Eingebunden? Ist denn für die zurück bleibenden Juden das Leben nun schwerer geworden? Sicher nicht. Was der Mensch Jesus vermochte, war für die Übertrittswilligen in die ORTSfreie jüdisch-hellenistische Welt das GANZE. Was hier der Offenbarer sagt ist heidenchristliche Redaktion, gemischt mit neuer fundamentaler Radikalität: Der Menschen Sohn, der Mensch der Menschen, der Sich Gottes ´Sohn´ nannte, Er nun, der hier ´Kyrios´(Herr) geheissen wird, Er fordert: nur wer bereit ist -in der vagen Hoffnung vom ´Vater´ geliebt zu werden- bedingungslos zu glauben, dem wird das Licht aufgetan werden und er wird den [ge]rechten Weg sehen. Jene, die den zum Buchstaben verkommenen ´Glauben´ treu sind, wähnen sich sehend. Sie werden in der Dunkelheit bleiben in ihrem (inzwischen recht) bequemen Bett des wie rechten Glaubens an die ´Gesetze´. Und sie werden das Licht nicht vermissen! Nie wird geklärt werden können, wie die Religion der Juden sich verändert hätte, wäre ihnen ein ´normales´ völkisches Schicksal möglich gewesen! 40 Das hörten einige der Pharisäer, die bei ihm waren, und fragten ihn: "Sind wir denn auch blind?" 41 Jesus sprach zu ihnen: "Wärt ihr [nur körperlich] blind [und leugnete es nicht], so hättet ihr keine Sünde; weil ihr aber sagt: Wir sind sehend [und uns fehlt nichts], bleibt eure Sünde." Fast müssig ist die Darstellung der Pharisäer-Reden: Sie sind die (gebildeten) Juden, die bewussten, auf höchstem Niveau pragmatischen: Nur sie haben es in der Hand vom Kommen des Messias zu zeugen. Das ´Volk´ hat nichts; es wallt zum ´Sohn´, fällt ab von Ihm; wie es durch Wunder und Laune fühlt. Sie sind die (armen unschuldigen) Blinden, ihnen wird das Auge aufgetan, zuweilen. Aber: was soll Er den Hütern der ´Gesetze´ erklären, und mit welchen Mitteln! Es ist Plan und (daher) aussichtslos. Wer einmal vom Wissen gekostet, dem ist das Naive, Reine, Freie, für immer verwehrt: die Pharisäer werden sich nicht (noch einmal) öffnen können, sie haben (einst) ihre Liebe zu dem Einen, ihren, Gott erfahren, durch (die Vorstellung), dass ihr Gott sie lieben lehrte, weil er sie zuerst liebte. Das ist lange her! und so werden sie sich nicht (er)füllen lassen können von des Erwählten reinen und wie neu [ge]richteten Glaubens an Gott, den väterlichen Schöpfergott, den VaterGott, und so bleiben sie -schicksalhaft- sehenden Auges blind. Ist es überflüssig wieder zu bemerken, dass die Religion der Juden unvergleichlich eigenständig, höchstansprüchlich und hervorragend zivilisatorisch war und bleibt und der Offenbarer nie gedacht hatte sie zu verlassen? 06-1996//02.2005//10.2005//06-2009// |