Der vielleicht ergreifendste Briefwechsel in Deutsch:
Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe
Hier Quelle: Volksverband der Bücherfreunde, Wegweiser=Verlag GmbH, Berlin 1924
Sehr empfehlenswert und verdienstvoll die <Digitale Bibliothek.de> mit wahren Schätzen!
Der wichtige Brief Schillers an Goethe, noch wirbt er..

Schiller an Goethe

Jena, den 23.August 1794.
Man brachte mir gestern die angenehme Nachricht, dass Sie von Ihrer
Reise wieder zurückgekommen seien. Wir haben also wieder Hoffnung,
Sie vielleicht bald wieder einmal bei uns zu sehen, welches ich an
meinem Teil herzlich wünsche. Die neuerliche Unterhaltungen mit Ihnen
haben meine ganze Ideen-Masse in Bewegung gebracht, denn sie betrafen
einen Gegenstand, der mich seit etlichen Jahren lebhaft beschäftigt.
Über so manches, worüber ich mit mir selbst nicht recht einig werden
konnte, hat die Anschauung Ihres Geistes (denn so muss ich den Total-
eindruck Ihrer Ideen auf mich nennen) ein unerwartetes Licht in mir
angesteckt. Mir fehlte das Objekt, der Körper, zu mehreren spekulativen
Ideen, und Sie brachten mich auf die Spur davon. Ihr beobachtender Blick,
der so still und rein auf den Dingen ruht, setzt Sie nie in die Gefahr,
auf den Abweg zu geraten, in den sowohl die Spekulation als die will-
kürliche und bloß sich selbst gehorchende Einbildungskraft sich so leicht
verirrt. In Ihrer richtigen Intuition liegt alles und weit vollständiger,
was die Analysis mühsam sucht, und nur weil es als ein Ganzes in Ihnen
liegt, ist Ihnen Ihr eigenen Reichtum verborgen; denn leider wissen wir
nur das, was wir scheiden. Geister Ihrer Art wissen daher selten, wie
weit sie gedrungen sind, und wie wenig Ursache sie haben, von der
Philosophie zu borgen, die nur von ihnen lernen kann. Diese kann bloß
zergliedern, was ihr gegeben wird, aber das Geben selbst ist nicht die
Sache des Analytikers, sondern des Genies, welches unter dem dunklen,
aber sicheren Einfluss reiner Vernunft nach objektiven Gesetzen verbindet.
Lange schon habe ich, obgleich aus ziemlicher Ferne, dem Gang Ihres
Geistes zugesehen und den Weg, den Sie Sich vorgezeichnet haben, mit
immer erneuter Bewunderung bemerkt. Sie suchen das Notwendige der Natur,
aber Sie suchen es auf dem schwersten Wege, vor welchem jede schwächere
Kraft sich wohl hüten wird. Sie nehmen die ganze Natur zusammen, um über
das Einzelne Licht zu bekommen; in der Allheit ihrer Erscheinungen suchen
sie den Erklärungsgrund für das Individuum auf. Von der einfachen
Organisation steigen Sie, Schritt vor Schritt, zu den mehr verwickelten
hinauf, um endlich die verwickelste von allen, den Menschen, genetisch
aus den Materialien des ganzen Naturgebäudes zu erbauen. Dadurch, dass
Sie ihn in der Natur gleichsam nacherschaffen, suchen Sie in seine verbor-
genen Technik einzudringen. Eine große und wahrhaft heldenmässige Idee,
die zur Genüge zeigt, wie sehr Ihr Geist das reiche Ganze seiner Vor-
stellungen in einer schönen Einheit zusammenhält. Sie können niemals
gehofft haben, dass Ihr Leben zu einem solchen Ziele zureichen werde,
aber einen solchen Weg nur einzuschlagen, ist mehr wert, als jeden anderen
zu endigen - und Sie haben gewählt, wie Achill in der Ilias zwischen
Phthia und der Unsterblichkeit. Wären Sie als ein Grieche, ja nur als
Italiener geboren worden, und hätte schon von der Wiege an eine auser-
lesene Natur und eine idealisierende Kunst Sie umgeben, so wäre Ihr
Weg unendlich verkürzt, vielleicht ganz überflüssig gemacht worden.
Schon in die erste Anschauung der Dinge hätten Sie dann die Form des
Notwendigen aufgenommen und mit Ihren ersten Erfahrungen hätte sich der
große Stil in Ihnen entwickelt. Nun, da Sie ein Deutscher geboren sind,
da Ihr griechischer Geist in diese nordische Schöpfung geworfen wurde,
so blieb Ihnen keine andere Wahl, als entweder selbst zum nordischen
Künstler zu werden, oder Ihrer Imagination das, was ihr die Wirklichkeit
vorenthielt, durch Nachhilfe der Denkkraft zu ersetzen und so gleichsam
von innen heraus und auf einem rationalen Wege ein Griechenland zu
gebären. In derjenigen Lebens-Epoche, wo die Seele sich aus der äußern
Welt ihre innere bildet, von mangelhaften Gestalten umringt, hatten Sie
schon eine wilde und nordische Natur aufgenommen, als Ihr siegendes,
seinem Material überlegenes Genie diesen Mangel von innen entdeckte, und
von aussen her durch die Bekanntschaft mit der griechischen Natur davon
vergewissert wurde. Jetzt mussten Sie die alte, Ihrer Einbildungskraft
schon aufgedrungene schlechtere Natur nach dem besseren Muster, dass
Ihr bildender Geist sich erschuf, korrigieren, und das kann nun freilich
nicht anders als nach leitenden Begriffen von statten gehen. Aber diese
logische Richtung, welche der Geist bei der Reflexion zu nehmen genötigt
ist, verträgt sich nicht wohl mit der ästhetischen,durch welche allein er
bildet. Sie haben also eine Arbeit mehr, denn so wie Sie von der Anschauung
zur Abstraktion übergingen, so mussten Sie nun rückwärts Begriffe wieder
in die Intuition umsetzen und Gedanken in Gefühle verwandeln, weil nur
durch diese das Genie hervorbringen kann.
So ungefähr beurteile ich den Gang Ihres Geistes, und ob ich recht habe,
werden Sie Selbst am besten wissen. Was Sie schwerlich wissen können (weil
das Genie sich immer selbst das größte Geheimnis ist), ist die schöne
Übereinstimmung Ihres philosophischen Instinktes mit den reinsten Resul-
taten der spekulierenden Vernunft. Beim ersten Anblicke zwar scheint es,
als könnte es keine größere Opposita geben, als den spekulativen, der von
der Einheit, und den intuitiven, der von der Mannigfaltigkeit ausgeht.
Sucht aber der erste mit keuschem und treuem Sinn die Erfahrung und sucht
der letzte mit selbsttätiger freier Denkkraft das Gesetz, so kann es gar-
nicht fehlen, dass nicht beide einander auf halbem Wege begegnen werden.
Zwar hat der intuitive Geist nur mit Individuen und der spekulative nur
mit Gattungen zu tun. Ist aber der intuitive genialisch, und sucht er in
dem empirischen den Charakter der Notwendigkeit auf, so wird er zwar immer
Individuen, aber mit dem Charakter der Gattung erzeugen; und ist der speku-
lative Geist bestialisch, und verliert er, indem er sich darüber erhebt,
die Erfahrung nicht, so wird er zwar immer nur Gattungen, aber mit der
Möglichkeit des Lebens und mit begründeter Beziehung auf wirkliche Objekte
erzeugen.
Aber ich bemerke, dass ich anstatt eines Briefes eine Abhandlung zu
schreiben im Begriffe bin, verzeihen Sie es dem lebhaften Interesse, womit
dieser Gegenstand mich erfüllt hat; und sollten Sie Ihr Bild in diesem
Spiegel nicht erkennen, so bitte ich sehr, fliehen Sie ihn darum nicht.
Die kleine Schrift von Moritz, die Herr v. Humboldt sich noch auf einige
Tage ausbittet, habe ich mit großem Interesse gelesen, und danke derselben
einige wichtige Belehrungen. Es ist eine wahre Freude sich von einem instinkt-
artigen Verfahren, welches auch gar leicht irre führen kann, eine deutliche
Rechenschaft zu geben und so die Gefühle durch Gesetze zu berichtigen. Wenn
man die Moritzische Ideen verfolgt, so sieht man nach und nach in die
Anarchie der Sprache eine gar schöne Ordnung kommen, und entdeckt sich
bei dieser Gelegenheit gleich der Mangel und die Grenze unserer Sprache
sehr, so erfährt man auch ihre Stärke und weiss nun, wie und wozu man sie
zu brauchen hat.
Das Produkt von Diderot, besonders der erste Teil, ist sehr unterhaltend,
und für einen solchen Gegenstand noch mit einer recht erbaulichen Dezenz
behandelt. Auch diese Schrift bitte ich noch einige Tage hier behalten dürfen.
Es wäre nun doch gut, wenn man das neue Journal bald in Gang bringen könnte,
und da es Ihnen vielleicht gefällt, gleich das erste Stück derselben zu
eröffnen, so nehme ich mir die Freiheit, bei Ihnen anzufragen, ob Sie Ihren
Roman nicht nach und nach darin erscheinen lassen wollen? Ob und wie bald
Sie ihn aber auch für unser Journal bestimmen, so würden Sie mir durch Mit-
teilung desselben eine sehr große Gunst erzeigen. Meine Freunde so wie meine
Frau empfehlen sich Ihrem gütigen Andenken, und ich verharre hochachtungsvoll
Ihr gehorsamster Diener F.Schiller.

An Schiller

Zu meinem Geburtstage, der mir diese Woche erscheint, hätte mir kein angenehmer
Geschenk werden können als Ihr Brief, in welchem Sie, mit freundschaftlicher
Hand, die Summe meiner Existenz ziehen und mich, durch Ihre Teilnahme, zu
einem emsigern und lebhafteren Gebrauch meiner Kräfte aufmuntern.
Reiner Genuss und wahrer Nutzen kann nur wechselseitig sein und ich freue mich
Ihnen gelegentlich zu entwickeln: was mir Ihre Unterhaltung gewährt hat, wie
ich von jenen Tagen an auch eine Epoche rechne und wie zufrieden ich bin,
ohne sonderliche Aufmunterung, auf meinem Wege fortgegangen zu sein, da es
nun scheint als wenn wir, nach einem so unvermuteten Begegnen, mit einander
fortwandern mussten. Ich habe den redlichen und so seltenen Ernst der in allem
erscheint was Sie geschrieben und getan haben immer zu schätzen gewusst und
ich darf nunmehr Anspruch machen durch Sie Selbst mit dem Gange Ihres Geistes,
besonders in den letzten Jahren, bekannt zu werden. Haben wir uns wechselseitig
die Punkte klar gemacht wohin wir gegenwärtig gelangt sind; so werden wir desto
ununterbrochner gemeinschaftlich arbeiten können.
Alles was an und in mir ist werde ich mit Freuden mitteilen. Denn da ich sehr
lebhaft fühle dass mein Unternehmen das Mass der menschlichen Kräfte und ihrer
irdischen Dauer weit übersteigt, so möchte ich manches bei Ihnen deponieren und
dadurch nicht allein erhalten, sondern auch beleben.
Wie groß der Vorteil Ihrer Teilnehmung für mich sein wird werden Sie bald selbst
sehen, wenn Sie, bei näherer Bekanntschaft, eine Art Dunkelheit und Zaudern bei
mir entdecken werden, über die ich nicht Herr werden kann, wenn ich mich ihrer
gleich sehr deutlich bewusst bin. Doch dergleichen Phänomene finden sich mehr
in unsrer Natur, von der wir uns denn doch gerne regieren lassen, wenn sie nur
nicht gar zu tyrannisch ist.
Ich hoffe bald einige Zeit bei Ihnen zuzubringen und dann wollen wir manches
durchsprechen.
Leider habe ich meinen Roman, wenige Wochen vor Ihrer Einladung, an Unger gegeben
und die ersten gedruckten Bogen sind schon in meinen Händen. Mehr als einmal
habe ich diese Zeit gedacht dass er für die Zeitschrift recht schicklich gewesen
wäre; es ist das einzige was ich noch habe das Masse macht und das eine Art von
problematischer Komposition ist, wie sie die guten Deutschen lieben.
Das erste Buch schicke ich sobald die Aushängebogen beisammen sind. Die Schrift
ist schon solange geschrieben, dass ich im eigentlichsten Sinne jetzt nur der
Herausgeber bin.
Wäre sonst unter meinen Ideen etwas das zu jenem Zweck aufgestellt werden könnte;
so würden wir uns leicht über die schicklichste Form vereinigen und die Aus-
führung sollte uns nicht aufhalten.
Leben Sie recht wohl und gedenken mein in Ihrem Kreise.
Ettersburg, den 27. August 1794. Goethe.

1799 hat sich Schiller mit Hilfe Goethes in Weimar angesiedelt, nun eilen die Briefe per Boten und vieles wurde auch besprochen
und uns damit vorenthalten!

Goethe an Schiller
Gestern blieb ich zu lange bei Gores um noch in die Komödie gehen zu können.
Heute frage ich an, wie Sie sich befinden und was Sie diesen Abend vorhaben? Ich
bin zu Hause, nicht ganz wie ich sein sollte; aber immer erfreut wenn Sie mich
besuchen möchten.
[Weimar,] 2.Januar 1800. G.

Schiller antwortet am selben Tag:

An Goethe
Ich hatte diesen Abend gerechnet Sie im Klub zu finden, wohin mein Schwager mich
eingeladen hat. Wenn Sie aber nicht hineingehen, so bleibe ich vielleicht auch
heraus; doch ich will es auf den Augenblick ankommen lassen und bitte, wenigstens
nicht auf mich zu rechnen.
[Weimar,] 2.Januar 1800. Sch.

Dringende Empfehlung die Briefe zu lesen! Der zaudernde Goethe hier, der drängende, um 10 Jahre jüngere Schiller dort,
der um ihn wirbt. Schillers katastrophale Gesundheit, Goethes wie schwächliche Konstitution die ihn bis ins Hohe Alter
bringen wird; er ist sich bewusst dass der Freund lebensbedrohend leidet, doch immer noch Frische schenken wollend:

An Schiller
Wenn es Ihnen nicht zuwider ist ein paar Worte zu schreiben, so sagen Sie mir
doch, wie es Ihnen geht? Wovon ich, so sehr es mich interessiert, nichts
Eigentliches erfahren kann.
Mit mir ist es wieder zur Stille, Ruhe und Empfänglichkeit gelangt. Hervorbringen
kann ich aber noch nichts; welches mich einigermassen inkommodiert, weil ich
das Winckelmannsche Wesen gern beiseite hätte.
Wie sehr wünsche ich Sie bald wieder zu sehen. Das Beste hoffend.
[Weimar,] den 22.Februar 1805. G.

Schiller antwortet am selben Tag, aber mit einem Unterton:

An Goethe
Es ist mir erfreulich wieder ein paar Zeilen Ihrer Hand zu sehen, und es belebt
wieder meinen Glauben, dass die alten Zeiten zurückkommen können, woran ich
manchmal ganz verzage. Die zwei harten Stösse, die ich nun in einem Zeitraum
von 7 Monaten auszustehen gehabt, haben mich bis auf die Wurzeln erschüttert,
und ich werde Mühe haben, mich zu erholen.
Zwar mein jetziger Anfall scheint nur die allgemeine epidemische Ursache gehabt
zu haben, aber das Fieber war so stark und hat mich in einem schon geschwächten
Zustand überfallen, dass mir eben so zu Mute ist, als wenn ich aus schwerster
Krankheit erstünde, und besonders habe ich Mühe eine gewisse Mutlosigkeit zu
bekämpfen, die das schlimmste Übel in meinen Umständen ist.
Ich bin begierig zu erfahren, ob Sie das Manuskript des Rameau nun abgeschickt
haben? Göschen hat mir nichts davon geschrieben, wie ich seit 14 Tagen nichts
aus der Welt vernommen.
Möge es sich täglich und stündlich mit Ihnen bessern und mir auch, dass wir
uns bald mit Freuden wieder sehen.
[Weimar,] den 22.Februar 1805. Sch.

Schiller stirbt am 9.Mai; Goethes Welt hat sich für immer vom vergleichbaren Widerpart gelöst. Nun wird er Umgang ohne
Schiller pflegen müssen. Er versteint, wird gravitätisch und hinterlässt ein gigantisches Werk an Lebensklugheit
das auf uns
gekommen ist
, und ein kleineres aber berühmtes (die "Gespräche mit Goethe"), gefiltert vom Adlatus Dr.Eckermann.

Goethe zu / über Schiller

//06-2000//04-2006//