Heinrich Heine: Die romantische Schule (1833)
[Quelle: Verlag von Th.Knaur Nachf. Berlin / Leipzig 1908]

Vorrede zur zweiten Auflage.
Den beträchtlichsten Teil dieser Blätter, die ursprünglich in französischer
Sprache abgefasst und an Franzosen gerichtet sind, habe ich bereits vor
einiger Zeit in deutscher Version, unter den Titel ´Zur Geschichte der
neueren schönen Literatur in Deutschland´, dem vaterländischen Publikum
mitgeteilt. In der gegenwärtigen Ergänzung mag das Buch wohl den Titel:
´Die romantische Schule´ verdienen; denn ich glaube, dass es dem Leser
die Hauptmomente der literarischen Bewegung, die jene Schule hervorgebracht,
aufs getreusamste veranschaulichen kann. Es war meine Absicht, auch die
spätere Periode unserer Literatur in ähnlicher Form zu besprechen; aber
dringende Beschäftigung und äussere Verhältnisse erlaubten mir nicht,
unmittelbar ans Werk zu gehen. [...] Mein Herr Verleger, den ich anklagte,
mein Buch eigenmächtig verstümmelt zu haben, hat dieser Beschuldigung durch
dasselbe Organ (Tagespresse) widersprochen, er erklärte jene Verstümmelung
für das glorreiche Werk eine Behörde, die über alle Rügen erhaben ist.
Dem Mitleid der ewigen Götter empfehle ich das Heil des Vaterlandes und
die schutzlosen Gedanken seiner Schriftsteller.-
Geschrieben zu Paris,
im Herbst 1835. Heinrich Heine.

Das war eine Brotarbeit, immerhin war Heine ein politischer Schriftsteller und aus gutem Grund lebte er in Paris
und nicht in Deutschland. Er schrieb einen großen Teil in französischer Sprache für das Pariser Publikum (s. ´Der Salon´).
Bei der Rückübersetzung ins Deutsche scheint sich Heines Geist und Witz verstärkt zu haben: Heine ist umfassend
informiert, nicht zimperlich mit seinen Urteilen, trotzdem begeisterungsfähig und voller jugendlichem Feuer. Sehr empfeh-
lenswert das heute noch zu lesen!!
Schön wäre es gewesen, wenn die Deutsche Literaturgeschichte ähnlich anspruchsvoll mit ihm verfahren wäre! Nun, in
dem umfänglichem Werk von Dr.Johannes Scherr Illustrierte Geschichte der Weltliteratur
aus der Franckh´schen
Verlagshandlung Stuttgart aus 1899, wird in der Abteilung ´Die germanischen Länder´ über Heine weit ausgeführt:

In Heinrich Heine [..] vernichtet die Romantik sich selbst. Sie lief bei ihm
in die Spitze des Witzes aus, um mit klirrendem Lachen abzubrechen. Sie schlägt
in seinen Liedern noch einmal die süssesten Töne an -wie z.B. die ganze
Romantik nichts Katholisch=Innigeres hervorgebracht hat als Heines ´Wallfahrt
nach Kevlaar´ und das wundersame Nordseebild ´Frieden´-, um dann plötzlich in
den gellenden Lachtriller der Selbstverhöhnung überzuspringen. Echt romantisch
ist bei ihm die zügellose Willkür der genialen Persönlichkeit, womit er in
diesem Augenblick sein humanistisches Ideal mit allen Lichtern der Poesie und
des Gedankens verklärt, um dasselbe im nächsten mit seiner Narrenpritsche zu
misshandeln, ihm Sarkasmen ins Gesicht zu spucken, es durch den Kot zu schleifen.
[..]
Man kann bei Heine höchstens eine Begeisterung des Witzes gelten lassen, d.h.
Heine hätte lieber Schlimmes, sogar Schlimmstes über sich ergehen lassen, als
einen ihm auf der Zunge prickelnden Einfall nicht auszusprechen. Dass Heine ein
charakterloser Mensch war, kann nach seinen eigenen ´Geständnissen´ keinem Zweifel
mehr unterliegen. Hat er doch aus dem geheimen Fonds unter Louis Philipp einen
Jahresgehalt bezogen, also aus einer Quelle, welche nur für Mouchards, Spione,
Apostaten und Verräter floss. Abgesehen von diesem unaustilgbaren Brandmal ist
es auch gewiss, dass Heine infolge des Mangels an sittlichen Gehalt nie dazu
kommen konnte, ein Kunstwerk zu schaffen, wie seine geniale Begabung wohl hätte
eins erwarten lassen. Das treffendste vielleicht, was über Heine gesagt worden,
ist seine witzige Selbstkritik: ´Ich bin Sauerkraut, mit Ambrosia gemacht.´
[..]

Das geht dann so weiter; der ´Romanzero´ wird noch rühmend erwähnt: Heines Abgesang in qualvoller Krankheit (seiner
Matratzengruft). In der Geschichte der Deutschen Literatur von Paul Fechter, im Th.Knaur Nachf. Verlag Berlin aus 1941,
kommt Heine jedoch nicht vor, da die Literaturgeschichte judenfrei! sein sollte, dafür u.a. mit beredtem Hinweis auf Hitlers ´
großes Bekenntnisbuch´
. Über Fechter vielleicht später mehr. Nebenbei: Das renommierte Musiklexikon von RECLAM
hatte (noch) eine Auflage (nach der Nazizeit!) wo z.B. Korngold nicht zu finden war.

Zu Paul Fechter: Im sehr empfehlenswerten Geheimreport von Carl Zuckmayer im Wallstein Verlag, wird von CZ warmherzig
von Fechter berichtet und angedeutet wie der Zeitgeist zwangvoll persönliche Eigenschaften verbiegen kann. Im hervor-
ragenden, beigefügtem Kommentar wird neben Fechters beruflichen Stationen in der Nazizeit auch auf seine drei Literatur-
geschichten (1932, 1941, 1952) Bezug genommen.
In der sehr wohlfeilen Ausgabe Illustrierte Geschichte der Deutschen Literatur als Lizenzausgabe für Komet MA-Service
und Verlagsgesellschaft GmbH, Frechen ["http://www.derclub.de/"] wird schwungvoll und recht seriös ausgeführt:

An poetischen Talent allen Gesinnungsgenossen überlegen, der einzige große
Lyriker der Jungdeutschen war Heinrich Heine (1797-1856). [..] Der Dichter
Heine und der Schriftsteller Heine haben selbstverständlich viel Gemeinsames,
dennoch ist erforderlich, die beiden getrennt darzustellen. [..]
In Paris fühlte Heine die Pflicht, die beiden Völker, das deutsche und das
französische, einander näher zu bringen, wie es vor ihm Madame de Stael getan
hatte. Über sein Gastland berichten die ´Französischen Zustände´ (1832),
witzige, teils frivole Reportagen über Literatur und Politik, welche die
deutschen Republikaner ebenso enttäuschten wie deren Gegner, ihnen folgten
(1834 und 1840) die vier Bände mit dem Titel ´Der Salon´, veranlasst durch
die Besprechung der großen Gemäldeausstellung in Paris. [..]
Ist der Schriftsteller Heine schon eine umstrittene Persönlichkeit, so gilt
das gleiche vom Dichter Heine. [..] Bismarck, der zwar als Instanz der
literarischen Kritik weniger interessant ist, stellte Heinrich Heine als
Liederdichter neben Goethe. Doch auch Mörike nannte Heine einen "Dichter
ganz und gar", sprach freilich auch von der "Lüge seines ganzen Wesens".

Heine ist nicht neben Goethe zu stellen, obwohl sein ´Buch der Lieder´ eine ungeheure Wirkung erzielte und ein
sensationeller Erfolg war und viele Komponisten zur Vertonung anregten. Heine ist unsterblich in seiner Prosaarbeit.
Ein sehr unappetitliches Stück Polemik und Satire ist in ´Reisebilder´ der Text ´Die Bäder von Lucca´, in dem der
arme Graf Platen übelst vorgeführt wird. In ["http://gutenberg.spiegel.de/"] kann das nachgelesen werden, und
während man grimmig oder lauthals lachen muss über Platen, weiss man, dass man an der falschen Stelle lacht.
Aber das ist so bei Heine, er war ein gefährlicher Mann und hier hat er Karl Immermann verteidigt vor dem was er
Platen vorwarf.

Heine der wissenschaftliche Autor.

06-2000//04-2006//