Heinrich
Heine: Zur Geschichte der Religion und Philosophie
in Deutschland
(1834)
[Quelle: Verlag
von Th.Knaur Nachf. Berlin / Leipzig 1908]
Vorrede zur
ersten Auflage
Ich muß den deutschen Leser darauf besonders aufmerksam machen, daß
diese Blätter ursprünglich für eine französische
Zeitschrift, die
»Revue des deux mondes«, und zu
einem bestimmten Zeitzweck abgefaßt
worden. Sie gehören
nämlich zu einer Überschau deutscher Geistesvor-
gänge,
wovon ich bereits früher dem französischen Publikum
einige
Teile vorgelegt und die auch in deutscher Sprache als
Beiträge »Zur
Geschichte der neueren schönen
Litteratur in Deutschland« erschienen
sind. Die
Anforderungen der periodischen Presse, Übelstände in
der
Ökonomie derselbe- , Mangel an wissenschaftlichen
Hülfsmitteln,
französische Unzulänglichkeiten, ein
neulich in Deutschland promul-
giertes Gesetz über
ausländische Drucke, welches nur auf mich seine
Anwendung
fand, und dergleichen Hemmungen mehr erlaubten mir nicht,
die
verschiedenen Teile jener Überschau in chronologischer
Reihenfolge
und unter einem Gesamttitel mitzuteilen. Das
gegenwärtige Buch, trotz
seiner inneren Einheit und seiner
äußerlichen Geschlossenheit, ist
also nur das Fragment
eines größeren Ganzen.
Ich grüße die
Heimat mit dem freundlichsten Gruße.
Geschrieben zu
Paris, im Monat Dezember 1834. Heinrich Heine.
Ein
ambitioniertes Werk:
Erstes Buch: Deutschland bis
Luther
Zweites Buch: Von Luther bis Kant
Drittes Buch: Von
Kant bis Hegel
Briefe über Deutschland
Bis zur zweiten Auflage vergehen 18 Jahre. Vorher (1851) hat er den
´Romanzero´ herausgebracht. Der wird
wegen des
plötzlich? wahrhaften Tons gerühmt. Heine ist todkrank,
bettlägrig (luetische Infektion, siehe auch
["http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/"]);
völlig klar und bei vollem Bewusstsein über seinen
aussichtslosen
Zustand. Seine Frau (die von allen unterschätzt
wurde) ist wie immer bei ihm, auch manchmal glühende
Bewunderinnen (auch die ´Mouche´..). Ihm, den
Atheisten, ist die Gotterkenntnis überkommen. Alles ist nun
anders zu bewerten. Und vielleicht ist es auch eine Gnade.
Vorrede zur
zweiten Auflage
Als die erste Auflage dieses Buches die Presse verließ und ich
ein
Exemplar desselben zur Hand nahm, erschrak ich nicht wenig ob
den
Verstümmelungen, deren Spur sich überall kundgab.
Hier fehlte ein
Beiwort, dort ein Zwischensatz, ganze Stellen
waren ausgelassen,
ohne Rücksicht auf die Übergänge,
so daß nicht bloß der Sinn, sondern
manchmal die
Gesinnung selbst verschwand. Viel mehr die Furcht Cäsars
als
die Furcht Gottes leitete die Hand bei diesen Verstümmelungen,
und
während sie alles politisch Verfängliche ängstlich
ausmerzte, verschonte
sie selbst das Bedenklichste, das auf
Religion Bezug hatte. So ging die
eigentliche Tendenz dieses
Buches, welche eine patriotisch-demokratische
war, verloren, und
unheimlich starrte mir daraus ein ganz fremder Geist
entgegen,
welcher an scholastisch-theologische Klopffechtereien erinnert
und meinem humanistisch-toleranten Naturell tief zuwider ist. Ich
schmeichelte mir anfangs mit der Hoffnung, daß ich bei
einem zweiten
Abdruck die Lagunen dieses Buches wieder ausfüllen
könne; doch keine
Restauration der Art ist jetzt möglich,
da bei dem großen Brand zu Hamburg
das Originalmanuskript
im Hause meines Verlegers verlorengegangen. Mein
Gedächtnis
ist zu schwach, als daß ich aus der Erinnerung nachhelfen
könnte,
und außerdem dürfte eine genaue
Durchsicht des Buches mir wegen des Zustandes
meiner Augen nicht
erlaubt sein. Ich begnüge mich damit, daß ich nach der
französischen Version, welche früher als die deutsche
gedruckt worden,
einige der größern ausgelassenen
Stellen aus dem Französischen zurück-
übersetze und
interkaliere. Eine dieser Stellen, welche in unzähligen
französischen Blättern abgedruckt, diskutiert und auch
in der vorjährigen
französischen Deputiertenkammer von
einem der größten Staatsmänner der
Franzosen, dem
Grafen Molé, besprochen worden, ist am Ende dieser neuen
Ausgabe befindlich und mag zeigen, welche Bewandtnis es hat mit
der Ver-
kleinerung und Herabsetzung Deutschlands, deren ich mich,
wie gewisse
ehrliche Leute versicherten, dem Auslande gegenüber
schuldig gemacht haben
soll. Äußerte ich mich in
meinem Unmut über das alte, offizielle Deutschland,
das
verschimmelte Philisterland - das aber keinen Goliath, keinen
einzigen
großen Mann hervorgebracht hat -, so wußte
man das, was ich sagte, so darzu-
stellen, als sei hier die Rede
von dem wirklichen Deutschland, dem großen,
geheimnisvollen, sozusagen anonymen Deutschland, des Deutschen
Volkes,
des schlafenden Souveränen, mit dessen Zepter und
Krone die Meerkatzen
spielen. Solche Insinuation ward den
ehrlichen Leuten noch dadurch erleich-
tert, daß jede
Kundgabe meiner wahren Gesinnung mir während einer langen
Periode schier unmöglich war, besonders zur Zeit, als die
Bundestagsdekrete
gegen das »Junge Deutschland«
erschienen, welche hauptsächlich gegen mich
gerichtet waren
und mich in eine exceptionell gebundene Lage brachten, die
unerhört in den Annalen der Preßknechtschaft. Als ich
späterhin den Maulkorb
etwas lüften konnte, blieben
doch die Gedanken noch geknebelt.
Das vorliegende Buch ist
Fragment und soll auch Fragment bleiben. Ehrlich
gestanden, es
wäre mir lieb, wenn ich das Buch ganz ungedruckt lassen
könnte.
Es haben sich nämlich seit dem Erscheinen
desselben meine Ansichten über
manche Dinge, besonders über
göttliche Dinge, bedenklich geändert, und manches,
was
ich behauptete, widerspricht jetzt meiner bessern Überzeugung.
Aber der
Pfeil gehört nicht mehr dem Schützen, sobald
er von der Sehne des Bogens fort-
fliegt, und das Wort gehört
nicht mehr dem Sprecher, sobald es seiner Lippe
entsprungen und
gar durch die Presse vervielfältigt worden. Außerdem
würden
fremde Befugnisse mir mit zwingendem Einspruch
entgegentreten, wenn ich dieses
Buch ungedruckt ließe und
meinen Gesamtwerken entzöge. Ich könnte zwar, wie
manche Schriftsteller in solchen Fällen tun, zu einer
Milderung der Ausdrücke,
zu Verhüllungen durch Phrase
meine Zuflucht nehmen; aber ich hasse im Grund
meiner Seele die
zweideutigen Worte, die heuchlerischen Blumen, die feigen
Feigenblätter. Einem ehrlichen Manne bleibt aber unter allen
Umständen das unver-
äußerliche Recht, seinen
Irrtum offen zu gestehen, und ich will es ohne Scheu
hier
ausüben. Ich bekenne daher unumwunden, daß alles, was
in diesem Buche
namentlich auf die große Gottesfrage Bezug
hat, ebenso falsch wie unbesonnen ist.
Ebenso unbesonnen wie
falsch ist die Behauptung, die ich der Schule nachsprach,
daß
der Deismus in der Theorie zugrunde gerichtet sei und sich nur
noch in der
Erscheinungswelt kümmerlich hinfriste. Nein, es
ist nicht wahr, daß die Vernunft-
kritik, welche die
Beweistümer für das Dasein Gottes, wie wir dieselben
seit
Anselm von Canterbury kennen, zernichtet hat, auch dem
Dasein Gottes selber ein
Ende gemacht habe. Der Deismus lebt,
lebt sein lebendigstes Leben, er ist nicht
tot, und am
allerwenigsten hat ihn die neueste deutsche Philosophie getötet.
Diese
spinnwebige Berliner Dialektik kann keinen Hund aus dem
Ofenloch locken, sie kann
keine Katze töten, wieviel weniger
einen Gott. Ich habe es am eigenen Leibe
erprobt, wie wenig
gefährlich ihr Umbringen ist; sie bringt immer um, und die
Leute bleiben dabei am Leben. Der Türhüter der
Hegelschen Schule, der grimme Ruge,
behauptete einst steif und
fest oder vielmehr fest und steif, daß er mich mit
seinem
Portierstock in den »Hallischen Jahrbüchern«
totgeschlagen habe, und doch
zur selben Zeit ging ich umher auf
den Boulevards von Paris, frisch und gesund
und unsterblicher als
je. Der arme, brave Ruge! er selber konnte sich später
nicht
des ehrlichsten Lachens enthalten, als ich ihm hier in Paris das
Geständnis
machte, daß ich die fürchterlichen
Totschlagblätter, die »Hallischen Jahrbücher«,
nie zu Gesicht bekommen hatte, und sowohl meine vollen roten
Backen als auch der
gute Appetit, womit ich Austern schluckte,
überzeugten ihn, wie wenig mir der
Name einer Leiche
gebührte. In der Tat, ich war damals noch gesund und feist,
ich stand im Zenit meines Fettes und war so übermütig
wie der König Nebukadnezar
vor seinem Sturze.
Ach! einige
Jahre später ist eine leibliche und geistige Veränderung
eingetreten.
Wie oft seitdem denke ich an die Geschichte dieses
babylonischen Königs, der sich
selbst für den lieben
Gott hielt, aber von der Höhe seines Dünkels erbärmlich
herabstürzte, wie ein Tier am Boden kroch und Gras aß
- (es wird wohl Salat gewesen
sein). In dem prachtvoll grandiosen
Buch Daniel steht diese Legende, die ich nicht
bloß dem
guten Ruge, sondern auch meinem noch viel verstockteren Freunde
Marx, ja
auch den Herren Feuerbach, Daumer, Bruno Bauer,
Hengstenberg, und wie sie sonst
heißen mögen, diese
gottlosen Selbstgötter, zur erbaulichen Beherzigung
empfehle.
Es stehen überhaupt noch viel schöne und
merkwürdige Erzählungen in der Bibel, die
ihrer
Beachtung wert wären, z. B. gleich im Anfang die Geschichte
von dem verbotenen
Baume im Paradiese und von der Schlange, der
kleinen Privatdozentin, die schon
sechstausend Jahre vor Hegels
Geburt die ganze Hegelsche Philosophie vortrug. Dieser
Blaustrumpf ohne Füße zeigt sehr scharfsinnig, wie das
Absolute in der Identität
von Sein und Wissen besteht, wie
der Mensch zum Gotte werde durch die Erkenntnis
oder, was
dasselbe ist, wie Gott im Menschen zum Bewußtsein seiner
selbst gelange.
- Diese Formel ist nicht so klar wie die
ursprünglichen Worte: »Wenn ihr vom Baume
der
Erkenntnis genossen, werdet ihr wie Gott sein!« Frau Eva
verstand von der ganzen
Demonstration nur das eine, daß die
Frucht verboten sei, und weil sie verboten, aß
sie davon,
die gute Frau. Aber kaum hatte sie von dem lockenden Apfel
gegessen, so
verlor sie ihre Unschuld, ihre naive
Unmittelbarkeit, sie fand, daß sie viel zu
nackend sei für
eine Person von ihrem Stande, die Stammutter so vieler künftigen
Kaiser und Könige, und sie verlangte ein Kleid. Freilich nur
ein Kleid von Feigen-
blättern, weil damals noch keine Lyoner
Seidenfabrikanten geboren waren und weil
es auch im Paradiese
noch keine Putzmacherinnen und Modehändlerinnen gab - o
Paradies!
Sonderbar, sowie das Weib zum denkenden
Selbstbewußtsein kommt, ist ihr erster
Gedanke ein neues
Kleid! Auch diese biblische Geschichte, zu mal die Rede der
Schlange, kommt mir nicht aus dem Sinn und ich möchte sie
als Motto diesem Buche
voransetzen, in derselben Weise, wie man
oft vor fürstlichen Gärten eine Tafel sieht
mit der
warnenden Aufschrift: »Hier liegen Fußangeln und
Selbstschüsse.«
Ich habe mich bereits in meinem
jüngsten Buche, im »Romanzero«, über die
Umwandlung
ausgesprochen, welche in bezug auf göttliche
Dinge in meinem Geiste stattgefunden.
Es sind seitdem mit
christlicher Zudringlichkeit sehr viele Anfragen an mich
ergangen, auf welchem Wege die bessere Erleuchtung über mich
gekommen. Fromme
Seelen scheinen darnach zu lechzen, daß
ich ihnen irgendein Mirakel aufbinde, und
sie möchten gerne
wissen, ob ich nicht wie Saulus ein Licht erblickte auf dem Wege
nach Damaskus oder ob ich nicht wie Barlaam, der Sohn Beors,
einen stätischen Esel
geritten, der plötzlich den Mund
auftat und zu sprechen begann wie ein Mensch. Nein,
ihr gläubigen
Gemüter, ich reiste niemals nach Damaskus, ich weiß
nichts von
Damaskus, als daß jüngst die dortigen Juden
beschuldigt worden, sie fräßen alte
Kapuziner, und der
Name der Stadt wäre mir vielleicht ganz unbekannt, hätte
ich
nicht das Hohelied gelesen, wo der König Salomo die Nase
seiner Geliebten mit einem
Turm vergleicht, der gen Damaskus
schaut. Auch sah ich nie einen Esel, nämlich
keinen
vierfüßigen, der wie ein Mensch gesprochen hätte,
während ich Menschen genug
traf, die jedesmal, wenn sie den
Mund auftaten, wie Esel sprachen. In der Tat,
weder eine Vision
noch eine seraphische Verzückung noch eine Stimme vom
Himmel,
auch kein merkwürdiger Traum oder sonst ein
Wunderspuk brachte mich auf den Weg
des Heils, und ich verdanke
meine Erleuchtung ganz einfach der Lektüre eines Buches
-
Eines Buches? Ja, und es ist ein altes, schlichtes Buch,
bescheiden wie die Natur,
auch natürlich wie diese; ein
Buch, das werkeltägig und anspruchslos aussieht, wie
die
Sonne, die uns wärmt, wie das Brot, das uns nährt; ein
Buch, das so traulich,
so segnend gütig uns anblickt wie
eine alte Großmutter, die auch täglich in dem Buche
liest, mit den lieben, bebenden Lippen und mit der Brille auf der
Nase - und dieses
Buch heißt auch ganz kurzweg das Buch,
die Bibel. Mit Fug nennt man diese auch die
Heilige Schrift; wer
seinen Gott verloren hat, der kann ihn in diesem Buche
wieder-
finden, und wer ihn nie gekannt, dem weht hier entgegen der
Odem des göttlichen
Wortes. Die Juden, welche sich auf
Kostbarkeiten verstehen, wußten sehr gut, was
sie taten,
als sie bei dem Brande des zweiten Tempels die goldenen und
silbernen
Opfergeschirre, die Leuchter und Lampen, sogar den
hohenpriesterlichen Brustlatz
mit den großen Edelsteinen im
Stich ließen und nur die Bibel retteten. Diese war
der
wahre Tempelschatz, und derselbe ward gottlob nicht ein Raub der
Flammen oder
des Titus Vespasianus, des Bösewichts, der ein
so schlechtes Ende genommen, wie
die Rabbiner erzählen. Ein
jüdischer Priester, der zweihundert Jahre vor dem Brand
des
zweiten Tempels, während der Glanzperiode des Ptolemäers
Philadelphus, zu
Jerusalem lebte und Josua Ben Siras Ben Eliezer
hieß, hat in einer Gnomensammlung,
»Meschalim«,
in bezug auf die Bibel den Gedanken seiner Zeit ausgesprochen,
und
ich will seine schönen Worte hier mitteilen. Sie sind
sacerdotalfeierlich und doch
zugleich so erquickend frisch, als
wären sie erst gestern einer lebenden Menschen-
brust
entquollen, und sie lauten wie folgt:
»Dies alles ist
eben das Buch des Bundes, mit dem höchsten Gott gemacht,
nämlich
das Gesetz, welches Mose dem Hause Jakob zum Schatz
befohlen hat. Daraus die
Weisheit geflossen ist, wie das Wasser
Pison, wenn es groß ist: und wie das Wasser
Tigris, wenn es
übergehet in Lenzen. Daraus der Verstand geflossen ist, wie
der
Euphrates, wenn er groß ist, und wie der Jordan in der
Ernte. Aus demselben ist
hervorbrochen die Zucht, wie das Licht
und wie das Wasser Nilus im Herbst. Er ist
nie gewesen, der es
ausgelernt hätte: und wird nimmermehr werden, der es
ausgründen
möchte. Denn sein Sinn ist reicher, weder
kein Meer: und sein Wort tiefer, denn
kein Abgrund.«
Geschrieben zu Paris, im Wonnemond 1852. Heinrich Heine
06-2000//03-2006//