P I T T E N
Ich
war im 18. Jahre alt, in meinem letzten Lehrjahr. Den letzten
Lehrlingsurlaub wollte ich besonders gestalten, ich wollte zum
ersten Mal allein verreisen und dort hin, wohin es mich die
letzten Jahre hingezogen hatte. Ich beschloss nach Wiener
Neustadt, der mir geheimnisvoll glückseligen Stadt zu reisen
und dort ein paar Tage in einem billigen Hotel zu wohnen,
vielleicht die Frau C. und ihre Tochter besuchen und vielleicht
auch nach E. zu fahren und dort nur zu schauen.
Ich bezog ein
Zimmer in einer Pension in der Altstadt, nahe am Hauptplatz. Das
Haus schien mir aus dem Mittelalter zu sein. Es war einstöckig,
ein Erker formte sich hervor, gefärbt war es, wie ich
meinte, venedigrot. Mir war aus
früheren Besuchen die einfache Schönheit des Hauses
aufgefallen und ich wünschte mir damals, einmal in diesem
Haus wohnen zu dürfen. Nun hatte ich mir den Wunsch erfüllt
und um die Situation noch zu steigern, verhielt ich mich die
ersten Stunden wie ein Tourist: ich eilte wie fremd durch die mir
bekannten Strassen und Gassen; hochaufmerksam
ging ich in fremdes Leben und Treiben hinein, reduzierte meine
Person auf das Mindestmass, um so
besser ins Innere der Anderen hinein zu kommen. Es war Mittag und
ich ging ängstlich zögernd in ein kleines langweiliges
Gasthaus, um unter mittelalterlich gewölbter Steindecke,
unter fremden Leuten, Gulaschsuppe mit Würstchen zu essen.
Danach lief ich die Stadt weiter ab. Schon paarmal hatte ich
die gleichen Ecken und Gassen gesehen; die Urbanität der
Stadt fesselte mich nicht, ich war ausserhalb: den wichtigen
Punkt ging ich nicht ab, das köstliche die großen
Hoffnungen bergende Viertel der Frau C. besuchte ich nicht; ich
ging wie fremd herum: so konnte die Stadt mich nicht entzücken.
Mehrmals war ich auf den verheissungsvoll
in alle Windrichtungen beschilderten Verkehrsknotenpunkt der
Stadt gestossen, auf dem der ballonartige Wasserbehälter
stand. Sachte sah ich mir, mit Müdigkeit in den Beinen, das
Gewirr der Autos an. Ich erkannte nicht mehr den Organismus des
Verkehrs. Mir war die Kraft des Zusammensehens
verloren gegangen. Was für ein Urlaub! Der helle Tag
verging, die Häuser verloren Kopf und Schultern, ihr Unteres
begann zu erstrahlen. Der Fussgängerbandwurm
änderte sein Aussehen: aus konzentrierten eifrigen Leuten
wurden zerstreut herumgehende Müssiggänger,
die sich gemächlich auf den Feierabend vorbereiteten. Es
galt den göttlichen Tag ausklingen zu lassen in einen
stillen meist bargeldlosen Abend (1958), in dem alles seinen wie
unverrückbaren Stellenwert hatte und nichts Besonderes mehr
geschehen sollte. Nur die Jugend wusste es besser. Sie plante
ihre Zerstreuung. Ich beneidete sie um ihre Lebenskraft und
näherte mich ihr verstohlen, um dann doch im weitem Bogen um
sie zu gehen. Der Tag war warm gewesen, die Sonne nun
verschwunden, aber die Wärme geblieben. Wollüstig
streckten sich die staubigen Strassen in den Abend. Schüttere
Parks und vereinzelte Vorgärtchen parfümierten die Luft
mit zuckrigem Blattgeruch. Zigarrenrauch stand in der Luft.
Benzinduft war in allen Ecken und mischte sich mit dem
befremdenden Geruch aus kühlen feuchten Haustoren. Schäbiger
Dunst aus kleinen Biedermeier-Fenstern von schäbigen
Mahlzeiten auf mit Wachstuch gedeckten schäbigen
Küchentischen nebenbei eingenommen, stand fremd vor den
Häusern; kellertiefe Handwerkerläden mit schummriger
abwärts gerichteter Perspektive: aus ihr kamen hoch über
Stufen die Meister und verschlossen die Türen zum
Feierabend. Und über alles das Make-up der abendlichen
Stadt: farbige Leuchtstofflichtstösse,
moderne Schaufenster in denen zwingend zum Kauf gestaffelt Waren
wie Drohungen lagerten, und kleine Lädchen mit staubgrauen
Auslagen, darin alte Zigarrenkisten, verstaubte Pfeifen,
abstossende Masskrüge,
fliegenbeschissene, abgewetzte
Schachbretter mit knorpeligen Figuren vollgestellt;
Delikatessenläden deren Nachtdekoration
aus blitzenden Konservendosen mit runzeligen Buntaufklebern und
zusammengebrochenen Keksschachteln bestanden. Hunderte
Schaufenster, vor denen die Spaziergänger interessiert
stehen blieben, die Gehsteige verstellten, sodass ich beim
Vorbeigehen die von den Hunden bepissten Hydranten streifen oder
die modrigen Abfallkübel an den Bushaltestellen hochstossen
musste oder die abstossend duftenden körperwarmen Zellen der
Familien aufbrechen und spalten musste beim Durchgehen, weil sie
ungeniert den Weg verstellten in ihrer nichts weiter
wahrnehmenden Subjektivität. Ich wanderte durch Wiener
Neustadt auf schwächer werdenden Beinen, die Zeit verging
tröpfchenweise und ich beobachtete wie die Spaziergänger
sich zu Gruppen formierten. Vielleicht gingen sie ins Kino oder
in Lokale oder nach Hause. Die Strassen wurden leer und ich bekam
bängliche Kinderangst allein hier zurück bleiben zu
müssen. Ich lief schnell die Kinos ab und kaufte mir endlich
eine Karte und setzte mich in die luftarme
Welt der Vorstellung. Für fast zwei Stunden verschenkte ich
meine Existenz, liess leben und lebte mit. Danach, im Erwachen,
wie immer das Gefühl irgendeine Pflicht nicht getan zu
haben, die zu erwartende Bedrohung über mir. Ich ging in die
Pension zurück, ass noch etwas
Obst, das ich mir tagsüber gekauft hatte, in der Angst
vielleicht vor geschlossenen Restaurants verhungern zu müssen.
Ich wusch mich am Waschbecken und ging dann zu Bett. Die Fenster
geöffnet in die stille Stadt auf einen kleinen Platz. Ich
wartete auf den Schlaf.
Draussen raunte das Leben weiter,
wenn auch nicht stark oder verlockend, aber es war da ein dünnes
Dasein, eine stille Aktion der anderen. Und ich sah in mir
endlose Landschaften und schweigende, heitere Anlitze
von jungen Frauen liebevoll gebeugt
über Gräser am Waldrand; zärtliches Anheben
manches Blattes, das quellend speckig kräftig grün
wucherte. Nadelfeine Gräser, die breitgetreten,
abends still in die Wurzeln der Bäume gedrückt waren.
Göttliches Detail! Verlockendes Dickicht! Ich sprang aus dem
Bett. Draussen wartete eine ganze Welt auf mich! Ich war nicht
mehr müde und ich wollte hinaus in meine Heimat seit Jahren.
In den ziellosen Weg, in die kleine Weite die ich abgehen konnte.
Hastig kleidete ich mich an und wie eine vibrierende Feder sprang
ich die Treppen runter über Kokosläufer und hinaus auf
die nächtliche Strasse. Knarrend die Hoteltür hinter
mir zu (den Schlüssel hatte ich in der Tasche) und in die
leere nächtliche Stadt hinein. Ich durchflog sie nun wie im
Rausch. Nun kannte ich bereits die markanten Stellen und ihre
Kennzeichen und Gefühle. Die Strassen waren fast
menschenleer, ich achtete nicht mehr auf die Leute, ich war
allein im Zentrum. Ich sah mich nun in meinem Dasein, um das
alles kreiste; in mir war ein zittrig trauriges Verströmen;
der Augenblick rührte mich und ich wollte hinaus aus der
Stadt, wollte mit meinen Beinen einnehmen das weite Land. Ich
eilte, flog wie eine Silberwolke über die Strassen in die
lebende Nacht. Das Mass aller Dinge wurde mein schnellender
Schritt der die endlose Lust teilte in fassbare. Ich stampfte wie
eine Maschine in den Boden des Asphalts und schob die Gegend an
Gesicht und Wange vorbei. Ich schloss die Augen und ging blind
nur gelenkt durch die blosse Haut der Arme. Ich erschauerte die
Nähe der Dinge, jedes Haus, jeden Mast der Stromleitungen,
jeden fremden Körper. Ich hatte die Stadt bereits verlassen
und befand mich auf dem freiem Band der Fernverkehrstrasse. Es
gab keinen Autoverkehr und so ging ich in der Mitte der Strasse.
Ich fixiert ein nachtdunkles Ziel das
ich nicht kannte. Ich ging ohne Ankommenwollen, ohne Kraft der
Idee. Ich ging weil ich mich bewegen wollte, weil ich handeln
musste. Ich ging um besser zu leben. Ich reiste um mich zu
verändern. Ich veränderte mich und tat etwas. Ich
existierte, wenn auch nur für mich auf der Asphaltfläche.
Eine über 20 m breiten Strasse ohne Auto oder schwächlichem
Fahrrad, ohne finstere Fussgänger die mich vielleicht
ankrallten; eine tote, leere, silberne Strasse die vom Mondlicht
beschienen wurde und wo rechts und links dunkler, atmender Wald
stand. Eine Strasse ohne Sinn von hier nach dort, wie vom Pflug
in die Landschaft gefurcht. Ich ging sie ab und warf sie
ungeduldig hinter mich. Ich ging fast zwei Stunden angestrengt,
ohne Gedanken, ohne Wunsch, nur besessen vom Drang nach vorwärts
und legte so fast 15 km zurück. Und kam in ein Nest (voller
Eigenleben hinter Fenster und Türen) nach Pitten.
Die
Burg Pitten, oben auf einer Anhöhe wurde nun zu meinem Ziel,
zum Ende, da alles ein Ende haben musste und hier war es die
Burg. Und ich eilte hoch (mitten durch den Häuserhäufungen
durch, die Mauern berührten mich knackend und höhnisch),
an die Burg heran, die ich nicht betreten durfte da es Nacht war,
ich kein Tourist sondern ein Eroberer, ein Feind der Burgherren
war. Ich betrat den offenen Vorhof, unter mir das nächtliche
Tal mit flirrenden Auf und Ab einsamer Lichtpunkte; ich erkannte
eine Holzbank, liess mich nieder, legte mich für 5 Minuten
langausgestreckt darauf und wuchs mit
dem Holz der Bank zusammen. Und ich lag wehrlos, ein knochenloses
Jungtier und bot weich Brust und Bauch den Sternen dar. Ich
schränkte die Arme hinter den Kopf und liess mich von dem
Gefühl der Wehrlosigkeit durchschütteln, wie einer der
die süsse Peitsche erwartete. Und ewiges Jagen des Windes
über mir. Knacken und Knarren in der Burg. Schritte überall
auf Wegen und Steinen und ich hielt es nicht mehr aus: ich sprang
auf und eilte mit hetzendem Atem den Burghügel herab, gierig
nach Menschen, nach Licht und Geborgenheit ausschauend. Durch das
Nest Pitten, hinaus in die Wildnis, zurück in den entfernten
vorigen Schimmer Wiener Neustadt.
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