S T E I N H O F

Ich habe Schwierigkeiten mit meinem Körper. Seit einiger Zeit kann ich nicht mehr schwitzen, sondern züchte hektisch rote Flecken und ein mächtiges Jucken. Urtikaria. Ich gehe also zum praktischen Arzt. Und dieser Arzt hat ein Hobby: Neurologie und Psychiatrie. Und er hat einen entfernten Freund oder Studienkollegen an den er mich überweist und er verschreibt mir grüne Pillen, die mich entspannen sollten. Nun nehme ich täglich sechs Stück ein und fühle mich wie der steinerne Gast. Ich werde wie abgekühlt. Das sollte wohl der Sinn der Behandlung sein. Ein erfreulicher Zustand für mich, machte ich mir doch viele Gedanken um die oder meine "Dinge an sich". Aber das Gedächtnis leidet darunter; die Aufnahmefähigkeit, die Erregbarkeit, das allgemeine Interesse an die Welt verschwindet.
Einige Tage später gehe ich zur empfohlenen Kapazität. Ein dicker alter Mann, mit tiefen Zusammenreissfalten um den Mund, empfängt mich interessiert. Wir sprechen über Gott und die Welt. Ich von meinen Schwierigkeiten mit den wichtigen Dingen des Lebens zurecht zu kommen. Der gute Alte richtet mich auf. Er erzählt von sich. Er, der so jovial und zufrieden aussehe (woher er das nur annimmt), er sei ha! ein zutiefst unglücklicher Mensch, der schwer zu kämpfen habe (wie es eben so sein muss in der Welt) und trotzdem nicht verzage. Und immer wenn der Gelehrtheit nichts besseres einfällt, greift sie zurück auf althergebrachte Hausmittelchen aus glücklichen Zeiten (in denen man die Alchimisten bei Misserfolgen auch hinrichten durfte). Der Professor empfiehlt kalte Waschungen am Morgen und am Abend, viel frische Luft, Bewegung, Ausgleichhobbies, kurz: einen neuen Menschen aus sich zu machen.
Ich ziehe reuevoll ab, mir heftige Vorwürfe über mein Versagen machend. Ich bin voller Eifer, aus mir einen glücklichen Menschen zu machen. So wasche ich mich nur mehr kalt (und hole mir Gliederschmerzen) und lebe auch so gesund. Auch versuche ich meine Sexualität zu kontrollieren. Ein aussichtsloses Bemühen. Ich habe Probleme und ich überlege, ob es eine angenehme Art zu Sterben gibt. So eine Art Volksselbstmord für den unheroischen, kleinen Mann. Die Standardausführung müsste billig, also mit schon vorhandenen Mitteln zu machen sein, ferner lautlos, nicht abstossend und niemand gefährden. Nach einigem Nachdenken kristallisiert sich ein kleines Projekt heraus, indem der Konsument nur einen Kleiderbügel und ein Stück handfeste Schnur für sein Unternehmen braucht. Die Schnur bindet man sich lose um den Hals, verknotet sie und steckt im Nacken den Bügel durch. Und dann spannt man die Sache so, wie man Sägen mit dem Spann-Holz spannt (mit viel leichter Bewegung einen starken strammen Zug erreichen - ein feines Kulturgefühl). Kurz und gut, wenn das Gerät genug gespannt ist, sodass man die kreislaufregulierende Stelle an der Schlagader und die Luftzufuhr im Griff hat, ist die Aktion so abzuschliessen, indem man den in der Spannung federnden Kleiderbügel parallel zur Wirbelsäule nach unten bringt. Dann muss man sich drauflegen, die Arme verschränken und das Beste hoffen. Die Gefahr in der Methode besteht aber darin, dass man vielleicht seinen Vorsatz aufgeben möchte und es nicht mehr kann. Nichts ist sinnloser für den User, als der selbst eingeleitete Todeskampf aus dem man -bedingt durch Gesinnungswechsel- nicht mehr herauskommen kann. Also nicht überall einsetzbar. Ich finde das auch und lasse den Plan in dieser Ausführung fallen. Ich betrachte meine Beruhigungspillen. Lese die Gebrauchsanweisung. Theoretisch müsste es doch möglich sein, durch ein Übermass an Ruhe ruhig zu werden. Ich nehme am Abend spielerisch zu Probe 12 Dragees. Alles normal. Dann in der Nacht, mitten im sogenannten Tiefschlaf, erwache ich. Komisches Gefühl: wie auf einer Matte im Turnsaal liegend, aufspringbereit, wartend auf das Kommando des Lehrers. Wohl eine Kreislaufangelegenheit. Ich muss meine Neugier abbüssen. Ich mache mir starken Kaffee, trinke auch Whisky, rauche, wandere im Zimmer auf und ab und habe schlichte, animalische Angst, die nicht zu verhindern ist und einfach mit meinem Überlebensdrang zusammenhängt. Der lichte Morgen empfängt mich sozusagen als Genesenden. Ich habe einige Probleme kennengelernt und ich bin dem Schicksal dankbar dafür.
Beiläufig erzähle ich meiner Mutter von meinen Versuch ("Ich wollte ja nur wissen..."). Beiläufig wird es auch aufgenommen wie ich meine. Und als ich einige Tage später mal eine Nacht nicht nach Hause komme, ohne vorher Nachricht zu geben (ich übernachtete im Bootshaus in der Kuchelau), geht meine Mutter zur Polizei und gibt eine Vermisstenanzeige auf. Nun die Polizei geht der Sache sowieso erst 24 Stunden später nach. So habe ich Gelegenheit unbehelligt nach Hause zu kommen. Aber: Große Tränen. Ja, sagt meine Mutter, sie wäre zur Polizei gegangen, weil ich doch vor paar Tagen... Aber, aber. Ich bin richtig böse, dass sich wildfremde Leute in meine Angelegenheit mischen. Und recht habe ich, denn es kommt noch besser. Die Polizeimaschinerie ist ächzend angelaufen. Ein Polizist hat schon nachgefragt ob ich wieder da sei. Ja. Gut. Aber der Amtsarzt will was wissen. Ich bekomme eine Vorladung. Und mache mich auf den Weg zur Wachstube Boltzmanngasse, wo im Hinterhaus, hinter irgendeiner Tür der Arzt sitzt. Der Arzt fragt und ich schauspielere. Ich erkläre, ich würde nochmal einen Selbstmordversuch machen (ich sage nicht warum; eigentlich hoffte ich damit meine Familie zu zwingen, etwas für mich zu tun). Der Amtsarzt hat wohl seine Vorschriften (wehe ihn wenn er einen Selbstmörder nach Hause gehen lässt, besonders, wenn der sich zu seiner Untat angemeldet hatte!).
Ich muss auf die Wachstube ins Vorderhaus, muss also dableiben und werde zur Untersuchung in die psychiatrische Klinik eingeliefert. Man will mich also schützen. Ich sitze im Nebenraum der Wachstube. Ein Kommen und Gehen der Polizisten. Stullen auswickeln, Stullen einwickeln, Kaffee trinken, Plaudereien. Ich verliere die letzte Scheu vor ihnen. Sie sind auch nur Menschen. Ein dicker, schon kurzatmiger (wohl nur mehr im Innendienst verwendbarer) Polizist ist der Spezialbewacher des Selbstmörders wohl. Und er erzählt und schildert mir in glühenden, begehrenswerten Farben das kleine ruhige zufriedene schöne - ja doch! schöne Leben, das eben draussen in der Ordnung und Pflicht liege. Ich stimme ihm zu, nicke verdüstert wie einer der weiss was es zu verlieren gelte. Man gibt sich einig und wartet auf den Krankenwagen. Unruhe im Wachzimmer. Der Krankenwagen ist da. Im Spalier von vielleicht 8-10 Polizisten gehe ich durch die paar Schritte in den Wagen. Eskortiert wie eine Wunderwaffe. Ich wage gar nicht an die Leute (unseres Viertels) zu denken, die mich gesehen haben könnten. Aber was solls! Ausweglose Situation in die ich mich selbst gebracht hatte.
Ruhige Fahrt zur Klinik Steinhof. Und ich komme in den Aufnahmeblock, wo sich schon einige lustige Gestalten eingefunden haben. Ich sehe die Leute herumlaufen, alle in Krankenhauskitteln, die sowieso isolieren. Nur wer schon öfter in Krankenhäusern zu tun hatte, dem fällt die Tracht nicht weiter auf. Schlimmer ist schon, dass viele der Patienten ihre Situation nicht so alltäglich sehen, wie es die Anstaltsleitung gerne hätte. Hier am Ort fühlt man sich doch etwas ausserordentlich, wenn auch nicht krank. Denn zum Unterschied zum richtigen Krankenhaus, in dem man sich den Luxus des Krankseins erlauben kann, muss man hier immer gesund sein, sonst geht man unter. So gehört es hier zum Krankheitsbild (verkehrte Welt) sich gesund zu fühlen. Doch die gesiebte Luft in den Räumen (man hat für die Sicherheit der Kranken gesorgt und alle Löcher nach aussen vergittert) trägt dazu nicht allzuviel bei. Man kommt sich eben hier besonders vor und das ist der Gesamtatmosphäre abträglich. Gesegnet der notorische Trinker, der mit sagenhaften Tatterich nach Alkohol (oder Wasser) lechzt, er ist seriös. Das kann ja mal vorkommen. Aber verrückt sein? Ich bitte Sie! Das ist das Letzte! Mit dem Säufer habe ich gleich in der ersten Nacht Ärger. Man hat den Kleinen (es gibt auch kleine Säufer) in das sogenannte Betonbett gesteckt, einem überdimensionalen Kinderbett, das mit einem Netz aus zähem unzerreissbarem Seil, auch oben, verhüllt ist. In der Nacht flüstert der Kleine (ich liege neben ihm) er möchte gerne aufstehen und Wasser trinken. Ich, das Greenhorn, will das Bett öffnen. Der Pfleger (Wärter) kommt und verhütet Schlimmes. "Der haut dir eine über den Kopf dass du kopfstehst!" Ich bin beeindruckt. Überhaupt muss man beeindruckt sein von dem Milieu hier. Allein der Schlafraum zeigt schon eine unwiederholbare, therapeutische Gastlichkeit. 20 Betten in zwei 10er Reihen gegenüberstehend, eine Art Rampe, wo der Oberwärter (Pfleger) sitzt und nachts liest, ein mächtiges Klo mitten im Bettenwald, das man nicht ungestört benützen kann. Man sitzt also mitten in den Leuten, wenn man sich schwach, hilflos, ekelerregend und von der Lust zur Notdurft getrieben fühlt. Und dann dieser rauhe, aber wohl herzlich gemeinte Umgangston. Die Wärter spielen eine Art Dompteur und manchmal erzählt einer der kopfschüttelnden, sachverständigen Patienten-Zuhörerschar von Männern (das waren noch Kerle!), die von sieben Pflegern nicht zu bändigen waren. "Und was haben sie dann getan?" frage ich. "Eine Spritze gegeben" antwortet der Wärter ruhig. Danach waren die Leute wieder vernünftig geworden, das heisst sie fielen nicht mehr weiter auf. Lustig auch das Essen. Als Tafelsilber gab es blecherne Teller, die man nicht seinem Hund vorsetzen würde, und krumme, meist flachgetrommelte Löffel in Überformat (falls einer schnell essen wollte). Gabeln und Messer gab es wegen der möglichen Verletzungsgefahr nicht. Und dann die Tischsitten! Es leuchtet ein, dass einer der Elektro-Schocks hinter sich hatte nicht wie der Herr Saubermann essen konnte. Aber die Leute, die sich so betont gesund geben ("meine Frau hat mich ohne Grund einweisen lassen"), fressen wie die Schweine. Scheinbar ist bei Männern der Fall aus dem erlernten Alltag schneller möglich und die Rückkehr in die infantile Phase ohne weitere Hemmung zu vollziehen (mein großer Junge Du!). Nun gut. Abscheuliches Bild für mich, der überwach das Gruselkabinett registriert. Manche Männer benehmen sich als wären sie einem Frankenstein-Film entsprungen: sie starren sich wild über die Schulter und erzählen sich heftig was. Sind sie vernachlässigt worden, sind sie dadurch verbittert worden? Sind sie verlacht worden, sind sie abgeschoben worden? Sie haben einen Defekt, sie wissen davon (?) und leben doch schon ungerührt ihr eigenes Leben. Sind sie hier in Sicherheit?
Oder: Die Brutalität der Pfleger, die als ordnende Richtlinie zu verstehen ist. Ich erinnere mich an eine Schlägerei: zwei jüngere Männer streiten sich. Sie tun das völlig enthemmt. Zwei Pfleger reissen sie auseinander. Der eine ist gleich eingeschüchtert, der andere heult wütend auf. Sein Pfleger schlägt ihn mit der Spitze des Ellenbogens ins Gesicht auf die Nase (rationell). Wehret den Anfängen. Die Hackordnung ist wieder hergestellt. Die Burschen wissen wieder wohin sie gehören. Aber die Sache demoralisiert. Ich fühle mich ausgestossen aus der unsichtbaren Ordnung der Dinge, aus dem Agreement der Zivilisation (der Ersten Welt). Es ist Krieg und hier tobt ein Kampf um die Existenz. Die Menschen von Pfleger, die Schläger, die von einer feigen, faul gemeinen Krankenhaus-Verwaltung geschützt werden, die wieder von einer feigen, faul gemeinen wehleidigen Gesellschaft finanziert werden, sie sind die Welt und der ihr Entronnene (?) ist der Kranke. Eine traurige, aufregende Zeit für mich. Und immer der Makel ein versuchter Selbstmörder zu sein. Das dem guten gesunden Menschen unmöglich gewordene Gefühl des Überdrusses an der Welt, das sich Wegschleichen wollen aus der "Verantwortung", die ganze Anrüchigkeit des sich nicht selbst auf den Beinen halten können, ein Verlierer sein zu müssen in der Welt der Gewinner (jedes Los gewinnt). Ich meine, der Verlierer hat dem Gewinner nicht das Leben zu neiden und der Gewinner hat nicht den Verlierer für seine Schwächlichkeit zu verabscheuen. Also: Der Freitod des Paul Celan ist mehr wert als die Leben vieler seiner Zeitgenossen.
Die vielen kleinen Abweichungen vom Durchschnitt, die ich in der Heilanstalt mit ansehen darf, die schön folgerichtige Reaktion der überheblich "Gesunden", die auf einen Mangel an Lebensgefühl stolz sind... Nun gut, in mir formt sich ein neues Lebensgefühl (Adaption). Ich gebe mich auf ohne dass es die Aussenwelt erkennt, lasse versinken was ich wollte und werde zur Resonanz der Welt. Innerlich lächle ich über das eifrige Bemühen der Ärzte aus mir einen gesunden positiven Menschen zu machen. Wohl hüte ich mich ihnen von mir und meinem allumfassenden Weltbild zu erzählen; eine Frage, aus dem Taschenbüchlein ´Fischer-Lexikon für Psychologie´ herausgegriffen, lässt sie hellhörig werden. Ich sehe ihnen an wie sie mich taxieren. Der Feind ist mächtig in seiner Beschränkung! Ich frage nichts mehr. Mit Wohlwollen schaue ich den Kranken in ihre kochenden Seelen. Soweit mir Verstehen gegeben ist für die zerstörte oft nur noch angedeutete Form erkenne ich das Gefüge der Gestalt. Alles ist folgerichtig. Da liegt ein vielleicht 80jähriger Mann im (Kranken)Bett. Ich erkenne ihn immer wieder beim Vorbeigehen hinaus auf die Spielwiese die den Pavillon umgibt. Er liegt da wie das Leiden Christi, ausgemergelt, nackt, mit faltigem Laken um die dürre Hüfte, mit flachem zuckenden Magen und jagenden Rippen. Mit aufgerissenen Augen, hochauf gestellter Knorpelnase, wie ein Gipsabdruck seiner selbst, mit weitweg gestellten Füssen, die voll mit krampfigen Adern wie Säulen in die Luft ragen. Und zuckend ob Tag oder Nacht immer das heisere Greisengestöhn und der gierige Griff in die Sexualität. Er masturbiert ohne an ein Ende kommen zu können. Heilige rhythmische Motorik der Lust! Als ob der Alte beim Hören auf sich alle Kraft der Welt wegnehmen will, sie sich -zerkleinert in kleine leichtfassliche Dosen- beibringen will. Er sucht das Bewusstlose. Um danach sich selbst auszuspeien. Er ist so grausig natürlich, er ist so lebendig wie das Leben und so ist er schön für mich. Ich liebe ihn. Draussen auf der Spielwiese, die nicht mal mit dem Versuch einer aufgelockert neutralen Barriere umzäunt ist, sondern mit schlichten, ehrfurchterweckenden Mauern, lungern die Kranken im traulichen Zeitvertreib herum. Einige Gruppen, wie auf Spielplätzen, haben sich gebildet. Ein Manisch-Depressiver erzählt aus seinem farbigen Leben. Sie sind die angenehmen Wegelagerer des Intellekts. Ich höre aufmerksam zu. Schlichte Prahlereien und maskuline Sandkastenspiele werden abgehalten. Man zeigt sich der Situation gewachsen (das Beste draus machen?). Einer erzählt, ein ernster, kräftiger, jüngerer Mann von seinen endlosen Dienstfahrten mit dem (damals) schlechtgefederten Motorrad, die Strommasten zu überprüfen. Und heute: Bandscheibenschaden und deshalb sei er hier. Ich hoffe für ihn und erfreue mich der kleinen plausiblen Erklärung. Wenn nur alle so fein rückschliessen könnten! Viele sitzen nur dumpf da, stieren vor sich hin; sie sehen aus wie die Männer auf Fotos gemeingefährlicher Geisteskranker. Traurig und kaum ergiebig die Konzentrierten aufzuschrecken. Sie agieren in sich. Oder ein junger Mann, vielleicht 16-18 Jahre alt, er sitzt total verstockt verschüchtert auf den Steinstufen zum Fresssaal und döst vor sich hin. Mit sowas spricht man nicht. Denn man ist ja so schrecklich gesund und klammert sich mit aller Kraft an seinen Namen und Habitus. Auch die Insulin- und Elektro-Schocker liebt man nicht. Es ist was Unanständiges was Unseriöses an ihnen; ihre Therapie ist zu vulgär, man kann zu Recht diese unordentliche Haltung nicht teilen. Erschütterndes Bild für den der das Bild des Menschen sucht. Es erfordert Übung mit dem Monströsen auszukommen. Man verliert oft die Übersicht, das Gewohnte löst sich auf. Noch einmal mache ich Kontakt mit den Ärzten und frage sie wie man mit den Weggetretenen kommunizieren könne. Augenblicklich werde ich misstrauisch gemustert und katalogisiert. Ich flüchte sofort ins Desinteresse in die Neutralität. Aber die Reaktion der Gelehrten verfolgt mich weiter. Man erforscht mein Innenleben mit einigen durchsichtigen Tests. Da ich beschlossen hatte das Leben der anderen mitzuleben durchschaue ich die Fragen und beantworte sie nach Tageslaune. Doch die Wissenschaft gibt sich bemüht und will mich (oder das was mich derzeit bestimmt) ausradieren. Das heisst: Sie will mich durch Elektro-Schocks hinstrecken und wieder aufrichten, natürlich in ihrer Spielschule. Sie übersehen dabei, dass ich nicht die Absicht habe meine Person (Maske) auch nur kurzfristig aufzugeben, sondern sie nur zeitweilig hintanstelle um schöpferisch im Anderen tätig sein zu können. Ich beginne mich zu fürchten, als ich von den Plänen meiner Herren erfahre. Meine Furcht wird verstärkt durch einen Vorfall, der einen Patienten für Tage in mein Bewusstsein bringt. Nachts: Ich liege wie angenagelt im Bett, darf nicht auffallen, nicht schnaufen oder aufs Klo gehen. In diesem atembeklemmenden Zwang zur Ruhe schreit plötzlich einer mir schräg gegenüber, ein Insulin-Schocker, im Fieber nach Wasser. Wieder die Unwirklichkeit der Szene: Wie im Kitschabenteuer-Film röchelt er nach "Wasser, Wasser". Ein unerfahrener (?) Wärter gibt ihm Wasser. Am Morgen ist der Schreier tot. Vielleicht wäre er auch ohne Wasser gestorben. Ich schleiche mich nach dem Frühstück in den Kühlraum (der auf der Station ist), an die kalte Bahre, die mit einer blauen Kunststoff-Folie abgedeckt ist und denke emphatisch: "Du gehörst mir, ich habe Dich heute Nacht schreien hören, Du bist mein Eigentum, Du bist von mir und ich bin von Dir!" Und stehe da mit Ohrenrauschen und dem Gefühl: ausserordentliche Situation! Und wieder raus. Ich möchte jetzt nur mehr raus in die unfreie Freiheit. Raus, zum Teufel, in die brüllende Sonne und in den stillen Strom hunderttausender Autos. Ich beschliesse gesund zu werden. Da meine Mutter nicht ihr Einverständnis für die Schocks gab (damals war man in Österreich erst mit 21 volljährig) ging alles rasch: ich strotzte von Tag zu Tag mehr vor überquellender Wirklichkeit. Meine Mutter musste einen Revers unterschreiben, mit dem sie sich verpflichtete die Garantie für mein Wohlbenehmen zu übernehmen.
Ach, ich bin wieder auf der Strasse, es scheint die Sonne, die Leute hasten zur Arbeit oder zurück, die Familie ist gerührt und friedlich. Ich blicke auf die Uhr, in mich, auf die Strasse und beschliesse einen Kaffee trinken zu gehen. Meine Mutter, mein Bruder und ich, wir gehen ins Kaffeehaus und alles ist wieder gut.

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