VENEDIG, Du rostigrote Schöne.

Neapel sehen und sterben. Nicht bei Venedig! Wir sind haarscharf einem Crash auf der Hinfahrt entkommen; mitten im dichten Nebel, in Kärnten, plötzlich Sicht 2 Meter, ein Mann in Schwarz (ohne Warnweste!) läuft am Pannenstreifen -wild mit den Armen fuchtelnd- uns entgegen, uns rettend. Meine Frau, eine sehr routinierte Fahrerin, fährt sofort hinter den Mann auf den Pannenstreifen, schaltet die Warnlichtblinker an und bremst vorsichtig ab. Hinter uns Quietschen von Reifen und ein SUV mit Tier-Anhänger kommt neben uns -auf der regulären Fahrbahn- zum Stillstand. Wir freuen uns, dass wir Platz gemacht hatten. Plötzlich wieder ein Quietschen und ein mittelgroßer Laster kracht auf den Anhänger des SUV. Scheint nichts geschehen sein, kein Tier im Anhänger, es drängt uns, wir fahren vorsichtig los und schwenken zurück auf die Fahrbahn. Zwei Laster stehen schräg auf der Fahrbahn, ein kleiner Pkw -vorne völlig zerstört-, die Fahrerin, offensichtlich unverletzt kauert am Autobahnrand, umklammert einen Ball oder ähnliches [sie umklammerte ihre Beine und telefonierte]. Der Nebel lichtet sich, es ist still, die Autos, der Autobahnverkehr, müssten jeden Augenblick herankommen. Wir gleiten um den Unfall herum, ein Mann steht im Mantel auf der Fahrbahn und telefoniert, wir fahren weiter.
In Venedig vom Tronchetto mit der Fähre auf den Lido (dort haben wir 2010 mehrere Suiten gebucht, nun wohnen wir sie ab). Mein erwachsener Sohn nahm den Hund auf den Arm und ging die steile Eisentreppe in der Fähre hoch auf das Deck.
Venedig! Wiederkommen nach Krankheit. Wieder im Winter; Anschauen der Ortschaften auf dem Lido, in der Bar sitzen auf der Elisabetta. Haben Mehrtage- Tickets für Vaporetto und Bus gekauft und es kann losgehen mit viel Zeitung lesen (FAZ, SZ), Thema der Guttenberg. Besuch der Frari (ein Muss!) und Besuch der Peggy (Guggenheim). Alles hat seine Ordnung, Venedigs Zauber, nach mehr als 40 Jahre besuchen, hat sich gewandelt in eine wie stille Glut, ein Hiersein, ein Dortsein auf hohem Niveau. //03-2011//

Ich bin noch in Venedig und ich schreibe keine Reportage, denn es passiert, geschieht hier nichts
was sofort berichtet werden muss. Jedoch am Beginn der schreckenerregende Eindruck vom
Einzelfahrscheinpreis des Vaporetto:
6,50 Euro. Wir besorgten uns die fahrtunabhängigen Touristenfahrscheine für maximal 1 Woche
um 50 Euro pro Nase. Heute wurden wir belohnt als wir im völlig überbesetztem Vaporetto ("Regatta
Storica" dadurch eingeschränkter Schiffsverkehr) von einem Fahrscheinkontrolleur geprüft wurden.
Wohl wollte uns eine heftig geschminkte Alte verpfeifen als wir zum Aussteigen aufstanden, aber der
Kontrolleur schützte uns bereits geprüften Fahrgäste kopfschüttelnd. Ein kleiner Punkt im Minus.
Immer wieder erheiternd ist die Zusteigemöglichkeit bei den Vaporetto-Stationen: Der Canal Grande
teilt die Stadt, wo er beginnt ist die Piazzale Roma und dann der Bahnhof, er endet am Markusplatz
(tatsächlich durchströmt den Canal Restläufe der Brenta, ein Süsswasserfluss). Wenn man nun aus
der Stadt zum Lido fahren möchte (der Lido ist ein Inselstreifen der die Stadt vom offenen Meer trennt
und zugleich Namensgeber für alle Lidi), muss man Richtung Lido einsteigen und je nach Stand am
Canal Grande ist die Richtung Lido rechts und man muss in die linke Seite der Station zum Einstieg
gehen oder man ist auf der anderen Seite des Canals dann ist die Richtung Lido links und man muss
in die rechte Seite der Station zum Einstieg gehen. Ist banal, aber die entsetzten und aufgeregten
Gesichter der Fahrgäste wenn sie nicht wissen welchen Teil des Einstiegs nehmen sollten wenn der
Vaporetto grollend näher kommt sagen genug aus.
Ich werde hervorragend bedient, da mit Gehstock: Lustig, gestern nachts eilte ich allein zur Spätvor-
stellung eines Reissers aus Taiwan zu einem Kino das ausserhalb des Festspielgeländes lag. Davor
lief ein anspruchsvoller Film und ich dachte ich könnte mich die letzten Minuten reinsetzen um mich
vom Gewaltmarsch durch den nächtlichen Lido zu erholen. Man liess mich nicht hinein und so stand
ich -auf meinen Stecken gelehnt- vor dem großflächigem Eingangsportal des Kinos, das eigentlich
ein riesiges, klimatisiertes Zelt war. Plötzlich sagten die Leute ich dürfe in den Vorraum und mich bei
den importanten Leuten hinsetzen. Das wollte ich aber nicht und ging da einfach auf und ab. Da kamen
wieder die Leute und fragten mich in dürrem Englisch ob ich einen Sessel haben möchte um wo
anders zu sitzen. Ich bejahte innerlich kichernd und ich bekam tatsächlich eine vom Staub befreiten
Metallsessel der vor den Kinoeingang aufgestellt wurde und ich thronte wie ein Pate vor dem Tore,
beguckt von den Leuten die schon zur Folgevorstellung eingetroffen waren.
Gestern und heute waren wir auf dem Lido am Strand und ich genoss nach Jahrzehnten wieder das
Dösen und Nichtstun am Wasser, in der Sonne, im Wind, auf einer (teuren) Liege. Venedig war weit
weg, nichts erinnerte an das Weltwunder. Die Leute lärmten vergnügt und bei der Rückfahrt in die
herrliche Stadt reckten viele Touristen ihre Arme gegen Sehenswürdigkeiten, es war kein Gruss
sondern sie fotografierten und sahen dabei auf ihre winzigen Kameradisplays. Für die die hier leben
und jene die seit Jahrzehnten hierher kommen ist die Stadt wie Geschmeide, ein Kleinod, eine Rarität,
wie ein unersetzliches Gemälde oder Buchkunstwerk; es ist ein Hiersein am richtigen Ort; da gibt es
keine ah! und oh!, sondern das ist eine Welt hier die zu Recht besteht.

Lido im Winter
Venedig ist schon totabgebildet. Auch dieses Bild ist irgendwo schon gewesen. Aber es ist Winter
und der Lido schläft. Es wird wenig gemacht um Venedig schön zu halten. Egal. Ich fahre nun wieder
hin und werde versuchen eine Linie, eine Kante, eine Bewegung, ein Geräusch, Geräusche, mit paar
Worten zu fixieren. Es gibt Filmfestspiele (am absteigenden Ast), Regata Storica gibt es, Kunstmesse
La Biennale gibt es auch.
//09-2009//

Wohnen in dieser Stadt das ist wie ein Albtraum. Irgendwie kommt man sich ausgenommen vor:
Hotel, Luxushotel, Absteige, Apartment vorm Zusammenbrechen und dreckstarrend, Apartment gemüt-
licher aber technisch abgewrackt. Es ist nicht die Qualität des Wohnens die niederstimmt, es ist der
Gleichmut der Wirte die uns zu Ausgenommenen machen. Venedig und Wohnen das ist nicht dritte
Welt oder verzweifelte Armut und Ohnmacht, Wohnen in Venedig heisst der Blöde zu sein. Und man
fühlt -auch im weltbekannten Luxushotel- man ist den Wirten ("Managern") völlig egal; sie sind nichtmal
ironisch oder herablassend, sie sind desinteressiert und betrachten den Gast als verurteilt von Venedig
und krank vor Sehnsucht nach Venedig. Die Vermieter sind wie Personal in einem großen Krankenhaus.
Sie helfen dir weiter und vor allen dass du dann (selbst kopfschüttelnd über deine eigene Langmut) endlich
gehst.
Wir haben versucht sesshaft zu werden und wollten eine Wohnung kaufen. Es gab interessante Angebote,
die Anbieter zeigten plötzlich Leben und Interesse an uns. Es war in der Voreurozeit. Wir zögerten. Zu lange.
Heute sitzen wir in der Bar gegenüber und hadern darüber. Heute ist alles unwahrscheinlich teuer, die
Venezianer haben den Euro großartig mit der Lira verschmolzen, die Preise sind von der realen Beziehung
gelöst. Weist hin auf die Zeit als weltweit die Bilanzen gekürzt wurden (2008).
Wir haben nach einigen Hotelaufenthalten einige Jahre nur Wohnungen gemietet, wie um uns mit dem wunder-
baren Orte vereinter zu fühlen. Die Wohnungen waren meist grauslich aber wir haben schöne Erinnerungen
daran wenn man den Schlüssel ins Haustor steckte, die normal ordinären Touristen eilen vorbei, man schliesst
auf, geht hinein -und dann ist der Zauber schon vorbei. Er kommt wieder wenn man herablassend aus dem
Fenster schaut oder auf einem Balkon steht und nebenbei vage auf die wogende Touristenschar herabblickt.
//12-2008//

Der oder das Vaporetto ist Teil des öffentlichen Verkehrsnetzes. Meist erheblich abgewrackte flache,
tiefganglose Motorschiffe die knarrend und knarzend, nur leise und langsam auf dem Canal Grande (Fundament-
schutz der Paläste), ihren Dienst versehen. Die Einheimischen fahren unbeeindruckt -ob Wellengang oder nicht,
ob Sitzplatz oder Stehplatz- die Touristen mit einer gewissen Anspannung, mit leuchtenden Augen und (in letzter
Zeit) mit gezückter Digitalkamera oder Telefon in der Hand. Anfangs versuchte ich das Zugehörige zu zeigen
und stellte mich frei auf die vibrierenden Bodenbleche und versuchte beim Fahren des Schiffes gut auszusehen.
In letzter Zeit eile ich immer zu einem Sitzplatz (soweit die Fratzen von heissgeliebten Kindern einen frei lassen),
sitze dort und lass mich von den seltsamen Antrieb der Schiffe anbrummen und durchrütteln. Wenn der Hund
dabei ist, liegt er mit vorgeschriebenem Maulkorb unter der Sitzbank, gestresst und deprimiert. Die Venezianer
sind nicht besonders an Hunde interessiert (wie der ganze Süden nicht) und ich muss beim Aussteigen auf-
passen und den Hund vor achtlosen auf die Pfote steigen schützen. Kaum sind wir vom Schiff will er seinen
Beisskorb weghaben; also stehe ich mitten im herausbrandenden Fahrgästestrom und öffne nervös sein
Gefängnis, umso schneller ist er dann an Land, ich eile mit ihm.
Der Fahrpreis ist inzwischen erschreckend teuer und wenn ich nicht eine Mehrtagekarte hätte, lohnte sich das
Schwarzfahren, denn die Strafe beträgt (nur?) 36 Euro plus Fahrkarte. Kontrolliert auf dem Schiff wird man nie,
obwohl Schaffner oder Schaffnerin mitfahren, die aber nur das An und Ableinen des Schiffes besorgen und ein
scheppernde Relingteil zum Aussteigen hin und herziehen und sonst mit dem Kapitän plaudern, was gemütlich
und in Ordnung ist. Bei Hunderten Fahrten bin ich zwei dreimal beim Einsteigen kontrolliert worden. Da war
ich stolz auf meine Systemtreue, das wars und sonst nur abenteuerliches Schaukeln des Schiffes, Gedränge,
Schreierei, Lachen, kurz: der Süden!
Zweimal habe ich mich geängstigt: Einmal war Wind und Blitz und Donner angesagt und ich zitterte dass der
Blitz ins Boot einschlagen würde (vor allem weil die Fahrt vom Lido zum Markusplatz ja recht lang ist und keine
Schwimmkünste mich an Land bringen könnten). Es blitzte wohl aber alles ging gut und ich war froh dass wir
in Venedig wohnten und nicht auf dem Lido und daher nicht mehr zurück mussten. Andermal fuhren wir mit
dem "1" (der bei jeder Station anhält); wir waren bereits auf dem Canal Grande und es stellte sich heraus dass
der Fahrer ein Azubi war, neben ihm stand der Ausbilder und ich musste missvergnügt und zunehmend
verängstigt die Anlandeversuche des zukünftigen Kapitäns erleben. Mehr als einmal donnerte er gegen die
schwimmenden Stationshäuschen, oft fuhr er zu weit und musste mit ächzenden -laut brummenden- Rück-
wärtsgang zurückkriechen, oder er näherte mit falschen Winkel sich der Landestelle und der Schaffner musste
die Seile mit besonderem Geschick werfen und befestigen; dabei muss der Kapitän das Schiff leicht vortreiben,
 sodass es durch den Halt des Seil am Ausstieg festgepresst wird, sonst würden die (betagten) Fahrgäste
beim Aussteigen ins Wasser fallen. Endlich konnten wir das Schiff beim Rialto verlassen. //09-2008//

Sind die Bauten Baudenkmäler oder ist das alles in Unschuld entstanden? Ist die anheimelnde und doch
entsetzliche (ent=setzende) Stimmung die die Bauten vermitteln Absicht der Planer, Bauherren, ist das Ideo-
logie und Trotz und Großmannssucht? Oder hat sich das alles ergeben in einer fruchtbaren und furchtbaren
Symbiose über Jahrhunderte: Pure Zivilisation an sich (Zivilisation als Civilisation gemeint, Kultur)? Viele
Bauten wurden einst um 15Hundert als Neubauten entstanden, romanisch gotische "graue Energie" wurde
geschliffen und das Neue kam. Und auch der Abstieg Venedigs begann, die Finanzkraft schwand und die
grandiosen Paläste blieben so wie sie geworden aber für uns kostbares altes Gut. Die profanen Profan-
bauten der "Bürger" der Stadt fielen zusammen, manche wurden wieder errichtet oder achtlos darauf ein
neuer Zweckbau zusammengestellt. Diese Häuser leuchten aus innerer Notwendigkeit. Sie sind Arbeit und
Mühe, nicht Show und Stolz sondern eingeengtes in Pflichten gebundenes Leben ohne Ausgang ohne Vision.
Ihr Zerfallen, ihr bröckeliger Putz, ihre zerfressenen Fenster und Türen sind Ausrufe und Trotz der Leben dort
einst und auch noch heute, obwohl viele von "Neureichen" zu absurden Unsummen gekauft werden. Sie weisen
-trotz neuer Besitzer- immer nur zurück in ihr Herkommen, der Beschauer eignet sich an den Blick ins Gestern,
er sieht die Absicht, erkennt die Ordnung, verspürt schmerzhaft die Auflösung und doch ist er eingebettet in
das Gestern. Das gibt Mut und Zuversicht. Es ist für uns, vor uns, an diesem Ort gedacht worden, wir sind nicht
allein, es war jemand vor uns hier und hat sich um den Zusammenhang gekümmert: Was New York oder die
Monsterstädte in den Schwellenländern sagen vom Morgen und die vielen die noch kommen werden, das ist
schon hier gewesen in Venedig: Es ist das Hergekommene, das Vollbrachte und bereits Belebte und Verstor-
bene das uns befriedet und wunschlos macht. Es ist bereits alles erreicht worden mit vergleichbarer
Anstrengung. Und nicht der venezianische Pallazzo berührt uns, er zwingt uns wohl nieder leuchtenden Auges;
jedoch die bucklig windschiefen Häuser die die calli bilden, sie ergreifen uns, beflüstern uns und schreckhaft
eilen wir an ihren Mauern entlang, geniessen ihren modrigen Druck auf unserer Haut. Manche Haustüre unter-
bricht das Schaufenster und Bareinerlei in den Mauern, ein Armada protziger messingfarbenen Namens-
schilder erinnern uns daran, dass hier Menschen mit Anspruch leben, das Anonyme der staubig berstenden
Mauern löst sich auf und man weiss plötzlich von Existenzen die hier ihren Lebenszweck und/oder Unterhalt
nachgehen. Weg die staubig grausige Romantik. Hier das das klardenkende fast ironische Venedig zuhaus!
//06-2008//


Ich reise seit 40 Jahren nach Venedig. Viel für mich, nichts für die Stadt. Kleine Veränderungen kann ich
sehen. Endlich auch der Dogenpalast wieder frei, der Uhrturm auch, andere Bauten wurden eingerüstet; auf
der Giudecca ist der Mulino Stucky (die bis zum 2.Weltkrieg größte Nudelfabrik Italiens des Signore Giovanni
Stucky der von einem seiner Arbeiter ermordet wurde) noch immer nicht fertig aber ein Hilton-Hotel soll schon
funktionieren.
Mein Erstkontakt war zu Fuss über die Eisenbahnbrücke durch die Lagune (lat. Lacuna=Tümpel, Lacke),
mittig die Eisenbahn (von den Österreichern in der zweiten Zeit ihrer Hoheit gebaut) und dazwischen brausen-
der Autoverkehr. Damals aus Mestre kommend in einem Gewirr von Autobahnzubringern die soweit ich das
erkennen konnte nach Milano führten. Erschreckt stellte ich das Auto unter einem Betonbogen ab und ging
über ein rumpeliges Feld an das Ufer eines vermeintlichen Sees (Lago Maggiore?). Es war das Meer.
Und direkt vor mir, im Meer, und mit der langen Brücke verbunden: VENEZIA. Erregt ging ich los, der
Horizont war noch immer vernebelt. Ich ging die Brücke ab, die sich seicht über tümpeliges Wasser spreizte,
auf die andere Seite, wo wie ich nun wusste, Venedig war. Der erste Eindruck war der einer Bilderbuchstadt
aus 1001 Nacht (wo sich Kuppeln und Minarette spannen und ragen über duckende Dächer), doch je näher
ich kam, umso stärker wurde meine Vorstellung vom Elend einer herbstlichen Seepromenade überlagert.
Es war wohl Frühling, aber die Sonne nicht da, kein Baum, kein Strauch zu sehen, nur schmutzigbraunes
Gewässer und abblätternder Putz.
An der Mündung der Brücke, unweit des Bahnhofs und der Parkhäuser ein großer vollgestellter Parkplatz
(wohl die vorletzte Chance das Auto unterzubringen). Den überquerte ich, ging um einige Betonecken des
Parkplatzes und war im Mittelalter, befand mich herzklopfend mitten in den Schläuchen, Schächten der Stadt.
Ging ungestört von Autos die Gassen ab, überschritt kleine brakige Wasser die das Meer waren. Ich ging
herum in halbhohen vernestelten verdichteten geduckten zerknitterten faltigen fauligen staubig mörteligen
nach Salzmeerdung duftenden Schluchten, ich ging zwischen bezaubernden anheimelnden himmlischen
innigen still händegefalteten Fassaden, sah in kleine putzscheibige Fenster vermoderter Erker, sah auf auf
brüchige wasserzerfressenen verpestet krebsige Gemäuer wo die Ziegel wie Zunder aus den Wänden fielen,
sah wurmstichige grau vergilbte grünspanige Schilder der Geschäfte, ging auf wackeligen schlüpfrigen
holprigen löchrigen Pflastersteinen, überstieg kleine putzige Brücken die wie eine Handvoll Sicherheit über
dem Meere standen. Unter mit tuckerten Lastkähne laut wetzend am beengenden Randgestein, ich sah die
berühmten Gondeln wie Libellen über die schwarze Seide der Kanäle gleiten; und stürzte mich immer wieder
hinein in die entzückende Formung der Stadt. Ging um Ecken um Winkel. Plötzlich ist die Gasse (calle) zu Ende
  -nein, hinten quert sie ein neues winziges Gässchen, überdacht von Erker der Heime der Salons der Paläste.
Ging durch stille schummrige Winkelrinnen die sich eröffneten auf stille Plätze, oft mit majestätisch krönenden
Kirchen. Leere wellige Flächen der Plätze, die Bewegung des Meers in den Stein gegossen; still still still im
Verfall.
Bewusst hatte ich die glamoursüsse Schönheit der Paläste gemieden, so lief ich die vielen einsamen Gassen
ab bis ich wieder zum Canal Grande kam. Stieg in ein Vaporetto und fuhr den Canal hoch zum Lido. Wie im
Traum schwebte das stampfende vibrierende Schiff entlang der Paläste, die steif und gotisch sich seitlich ins
Wasser senkten. Etagenweise glomm Licht hinter schweren kunstvollen Gittern. Und eine Welt des Grauens,
des tiefen achselzuckenden Grauens, zog am Schiff vorbei, eine Welt die aus den Fugen geraten war, die jeder
Statik Hohn sprach. Die scharfen Nasen der Paläste fielen linkisch geneigt, ohnmächtig wie aufgeweichtes
Pappmaché, in das Teer des Meeres. Gluckernd schmatzte die Flut an den Gemäuern, nagte mit winzigen
erbarmungslosen sinnlosen Zähnen an stolz hochgereckten Gesimsen. Wie ein umstürzendes Kartenhaus
wichen die Fassaden weg ins Dunkel des Anonymen, lautlos ohne Seufzen und Klagen, versank die Welt
des Erhabenen. //1968//06-2008//