GUTENACHTGESCHICHTE

Ich habe durch Alterung mit dem Blutdruck zu tun. Bin in Behandlung und nehme brav Tabletten ein, fühle mich jedoch nicht wohl und in der üblichen Leistung (zB Hund spazieren führen) recht beschränkt. Unabhängig vom Blutdruck habe ich mir vom formidablen Verlag (und Buchhandlung) zweitausendeins.de eine Biografie über die Frau des Schriftstellers Nabokov besorgt [Stacy Schiff: VÉRA, Ein Leben mit Vladimir Nabokov, Rowohlt Taschenbuch Verlag]. Lese täglich vorm Einschlafen paar Seiten. Eines Tages, bei der Passage über die Veröffentlichung des Nabokov-Buchs "Lolita" lese ich länger als sonst, aus einer freudigen Rührung heraus, dass die Familie Nabokov endlich zu Geld kommt, wenn auch mithilfe dieses Werks. Musste nach einiger Zeit das Lesen wegen beissender Kopfschmerzen beenden, mass meinen Blutdruck und stellte entsetzt 240/120 fest. Sicher war es nicht die Aufregung über die eher zähe Biografie, es war Hochdruck aus unbekannter Ursache.
Also ins Krankenhaus. Da ich die letzten Jahre wegen Bandscheibenvorfalls (klein), Lungenentzündung (klein) und Herzbeutelentzündung (klein) im regionalen Krankenhaus war, ging ich wieder hin (wurde gefahren, denn das Gehen funktionierte nicht mehr). Das Problem bei jedem Aufenthalt war die Anamnese der Ärzte über meinen Gemütszustand (wohl sichtbare psychologische Folge eines physiologischen Zustands ?). Das gipfelte in Einschätzungen der Ärzte über (m)eine "Getriebenheit" und dass sie mich per Psychopharmaka wieder "aufbauen" wollten. Sonst waren sie sehr nett, profund und sehr motiviert -wie alle dort im Krankenhaus. Doch schon Jahrzehnte vorher verschrieben mir diverse Internisten immer wieder Antidepressiva; kaum hatte ich den Beipackzettel gelesen warf ich die Pillen weg, verärgert auch, weil ich die Ärzte vorher immer aufmerksam gemacht hatte, mir keine Medikamente zu verschreiben die mich (noch mehr) fremdsteuern -sind wir doch genug fremdgesteuert.. Offensichtlich machte ich den Eindruck eines unter der Last der Welt und der eigenen Existenz zusammenbrechenden Neurasthenikers und die aufmerksamen Seelen mussten eingreifen. Vielleicht gab es eine Zeit vorher, wo ich an der Welt und meiner Existenz verzweifeln wollte, vielleicht war es die verkniffene Miene darob und die mir wohl geblieben, die die Ärzte zum Handeln trieb. Nur hatte ich im Laufe der Jahrzehnte zu einer neuen "Naivität" gefunden, die wohl nicht die des Kindes oder eines Haustiers war aber recht passabel und ich erfreute mich des Lebens, auch wenn ich wusste das alles nichtig und vergebens ist (siehe mittlere Stoa Seneca, späte Stoa Marc Aurel, auch AT Kohelet und LAO TSE, etc.). Nach meinem Krankenhausaufenthalt erlebte ich in der Rehabilitationsklinik wieder die Verschreibung und vor kurzem, beim Besuch des niedergelassenen Internisten detto: ohne Antidepressiva geht es wohl nicht. Irgendwann muss ich sie zur Apotheke zurückbringen, ökologisch korrekt...
Zurück zum Krankenhaus. Ich hatte eine Kleinhirnblutung, mein jahrzehntelanges Bemühen mittels Aspirin das Blut dünn zu halten hatte erfolgreich geendet. Ich wurde aufgeklärt, dass die Blutverdünnung mit Aspirin (für mich!) nicht die erste Wahl gewesen war; vielleicht hätte ich doch Antidepressiva nehmen sollen und mich nicht um mein Blut sorgen sollen.
Interessant war Folgendes: Ich konnte nur schwer sprechen, gehen nicht (wegen erheblichen Schwindel), jedoch das wenige Sprechen störte mich nicht. Ich hatte immer gedacht, dass man bei einer Sprechstörung verzweifelt nach Worten ringen und die Vielzahl der nicht aussprechbaren Wörter im INNEN einem zum Wahnsinn trieben (übrigens in der Rehab-Klinik sah ich Schlaganfall behinderte Menschen die schreiend und mit der Faust auf den (Ess)Tisch trommelnd um den Ausdruck rangen). Ich hatte wieder nur eine kleine Störung, mein weniges Sprechen passte zum geringen Wortschatz der vorlag. Ich fühlte mich wohl und gedämpft.
Nun musste ich Zeit nehmen; ich bekam neben obigen Tabletten (die ich nicht nahm zum Ärger der Ärzte) nur blutdrucksenkende Medikamente und musste üben mit dem Schwindelgefühl zu leben. Die Sprache kam zurück, etwas stumpf und müde durch die Herabsetzung des Blutdrucks war ich einige Zeit. Nun habe ich mich daran gewöhnt und wackle mit einem Stock (mein 3.Bein), mit Hund, durch die Gegend, ohne antriebsstärkende Massnahmen.

Nachtrag: Beim letzten Besuch beim Internisten "gestand" ich das Nichteinnehmen der Antidepressiva. Der Arzt winkte ab, als nicht wichtig. //10.2007//