Karl May


Man muss nicht bei Arno Schmidt nachlesen (Sitara und der Weg dorthin),
um zu wissen, dass mit May eine (ge)wichtige Stimme im Deutschen
Sprachraum gemeint ist. Von seiner eventuellen sexuellen
Orientierung abgesehen (als wäre das eine Aussage), ist May in
seinem ganzen Anliegen ein Sonderfall.
May hat in seinem Werk die Freundschaft -speziell mit dem edlen
Winnetou- zelebriert und für den jungen Leser entstand eine
Vorstellung von einer Möglichkeit tief befreundet zu sein ohne
dass die fordernde und (be)raubende Sexualität ein Störfeuer
entfachen konnte. Wie weit so eine Freundschaft im "wirklichen"
Leben möglich und haltbar wäre ist unwichtig, da mit der stillen
gegenseitigen Hinneigung und Zuwendung und Treue ein
erzieherische Weg zum Lieben aufgezeigt wurden. Dazu das
sichernde, beruhigende, auch beschützende des ICH-Tons des
Erzählers, es macht aus dieser Literatur weit mehr als beliebige
Abenteuergeschichten.
Die Abenteuer in Arabien sind nicht von dieser großen zwischen-
menschlichen Emotion getragen, sondern haben eher den lockeren
Ton der damals in Mode gekommenen blumigen Berichte aus dem Orient.
Untermauert und wie verifiziert wurde diese Kultur durch die
diversen Expeditionen des abenteuerlustigen Adels, die eine Welt
in Text und Bild und Funden nach Deutschland brachten, die gut
in die Vorstellungswelt des nach fremden Länder begierigen Lesers
passten.
May einmal mit dem Hohen Lied der Freundschaft (und auch ihr Ende)
und May mit seinem Alterswerk, in dem er den Weltfrieden mit
erheblichen Eifer und großer Sprachkraft beschwor. Mara Durimeh
ist eine Schlüsselfigur und kommt in "Ardistan" und "Dschinistan"
vor, vermutlich auch in anderen Werken; sie ist eine beeindruckende
Prejektionsfläche für das vorläufige Entwickeln einer (weiblichen)
Allweisheit, ähnlich dem Weltweisen und Herrscher, den es leider
nicht geben kann. //01-2010//