|
Lesefrüchte1 Stefan Zweig -nun ist er mir wieder erstorben. Habe "die Welt von Gestern" nach langem Zögern "fertig" gelesen. Entsetzlich seine Beschreibung der um Weiterreise besorgten Juden in England. Er beschreibt ihre Situation, formt ihren Werdegang, dass sie von den Nazis (Deutschösterreichs) in KZs gesteckt wurden, dann nur mit dem Wenigsten versehen ausser Landes gejagt... Und er weiss nicht dass Millionen Juden aus den KZs nicht herausgekommen sind weil sie ermordet wurden ! Hätte Zweig das beschreiben müssen, wäre dieser gute Mensch ob der Bestialität der Welt nicht sofort an seinem Schreibtisch in der Fremde zusammen gebrochen? Eine Gnade des Schicksals: Er hat zu seiner Lebenszeit das nicht wissen müssen. //03-2009//
Komm in den totgesagten park und schau :Der Schimmer ferner lächelnder gestade · Der reinen wolken unverhofftes blau Erhellt die weiher und die bunten pfade. Dort nimm das tiefe gelb · das weiche grau Von birken und von buchs · der wind ist lau · Die späten rosen welkten noch nicht ganz · Erlese küsse sie und flicht den kranz · Vergiss auch diese lezten astern nicht · Den purpur um die ranken wilder reben · Und auch was übrig blieb von grünem leben Verwinde leicht im herbstlichen gesicht. [...] Quelle: <gutenberg.de> Das ist Stefan George! Heute vielleicht vergessen und doch ein großer Sprachkünstler der aus einem eher um- wölktem, den Jugendstil etwas verhafteten Stil heraus wächst, Freunde und Jünger gewinnt. Ausserordentliche Eindeutschungen, Nachdichtungen aus seinem geliebten französischen Kulturraum erschafft. Er hat die Deutsche Sprache weiter entwickelt. Was zählt da noch seine elitäre Haltung, fast Wahlver- wandtschaft zum Faschismus, dem er sich klug entzog. Und es gibt heute noch eine rege Stefan George Gesell- schaft. Das Reclam-Büchlein ist sehr empfehlenswert und aufklärend angelegt! //03-2009// compactmemory.de Wählen Sie das an! Erschreckende Anzahl jüdischer Schriften, fein säuberlich eingescannt und weiterer Verzweig in andere jüdische Bibliotheken. Die Texte oft kraftstrotzend, bestimmt, oft sehr wissenschaftlich, auch nur so mit Werbung für Reisen nach Palästina und auch Berichte von dort. Und das ist alles vorbei! Man beachte die Einstellungsdaten der Zeitschriften. Gespenstisch und tief deprimierend. Und es gibt noch genug Dreck der sich über die Juden und das Jüdische auslässt, auch noch jetzt. //03-2009// Stefan Zweig der wunderbare, noble, delikate Mann, Mensch und Schriftsteller! Kaufte mir wieder sein Buch Die Welt von Gestern, hatte es vielleicht vor 40, 45 Jahren gelesen. Sein Schmerz, sein feines Empfinden für die Welt des Feinen und Guten, sein aufrechtes und begeisterungsfähiges Menschentum, es schnürt das Herz ab wenn man an sein Schicksal denkt. Manche seiner Werke habe ich einst empathisch verschlungen. Heute leuchtet mir heller sein Humanismus, seine Aufrichtigkeit und seine Liebe zu großherzigen Figuren der Kulturgeschichte. //02-2009// Ingeborg Bachmann, Paul Celan Herzzeit Briefwechsel, Suhrkamp Habe Besprechungen in zwei Zeitungen gelesen. Im Briefwechsel auch beigepackt Briefe deren Lebens- oder zeitlicher Partner. Wollte mir das Buch kaufen, aber ich kann nicht mich "weiden" an dieser schrecklichen Lebenslast beider. Ich kann mich an mein Entsetzen über seinen Freitod gut erinnern. Schrieb dann ein Gedicht über ihn. Das Gedicht war schlecht obwohl ein Lektor eines Verlags das für ein Werk von Celan hielt; mein tiefes Bedauern über seine Zerbrechlichkeit hindert mich auch in Zukunft seiner Qual und ihr vergebliches Mühen ihm Erträgliches zu schaffen Zeuge zu sein. //10-2008// Sprachlehre von Karl Kraus Ein bisschen Lesen im Projekt Gutenberg.de im Spiegel bei Karl Kraus. Jedes Wort trifft, die Sätze halten zusammen die Teile, es ist wie unwahrscheinlich dass ein einzelner Mensch, nur durch sich selbst korrigiert diesen gelenkten und extrem gestalteten Furor loslassen kann auf uns, die Unbedarften, die nur wissen was gesagt wird und nichts selbst erarbeiten. Wohl hat er sich geirrt als er im schlechten Stil die Gesinnung und das Amoralische sah, auch Erstklassiges kann krank und wahnwitzig sein, nicht nur der populistische Gassenhauer für uns Zwergmenschen. Kraus kommt mit seiner Existenz hinein in die ethiklose Einfachheit der Nazizeit. Ein Glück dass er das nicht mehr erlebt hat, die Welt die sich rechtschaffen wähnt und die Moral zerbricht, den Anstand verletzt, zerstört. Die lüstern sich ans Aufräumen machte. Auch heute gibt es eine rechte Szene. Vielleicht liest da einer den "Krause" und denkt sich seinen Teil. Und das will ich gar nicht wissen! //09-2008// Ein 24jähriger junger Mann, der nie wirklich jung war, der ein schweres Leben mit seinem Vater hinter sich gebracht hat, der sich für die Schönen Künste und für die Philosophie interessiert, schreibt an den ersten Geist und Dramatiker seiner Zeit -nicht in seiner Muttersprache sondern in einem respektablen, geschliffenen Französisch, in einem über-freundlichen aber doch unbiegsamen Ton: Monsieur, wenngleich ich nicht die Genugtuung habe, Sie persönlich zu kennen, so sind Sie mir doch durch Ihre Werke sehr wohl bekannt. Es sind, wenn ich mich so ausdrücken darf, Schätze des Esprits und Werke, die mit soviel Geschmack, Delikatesse und Kunst gearbeitet sind, dass Ihre Schönheiten bei jedem Wiederlesen ganz neu erscheinen. Ich vermeinte, darin den Charakter ihres ingeniösen Schöpfers wiederzuerkennen, der unserem Jahrhundert und dem menschlichen Geist überhaupt zur Ehre gereicht. [...] Der Angeschriebene, ein geborener Diplomat aber ein extrem freiheitlicher Denker, antwortet vorsichtig und beflissen einem jungen Mann aus einem kleinen unbedeutenden Staat: Monseigneur, man müsste fühllos sein, um von dem Brief, mit dem Ew. Kgl. Hoheit mich zu ehren geruhten, nicht inniglichst gerührt zu sein. Er schmeichelte meiner Eigenliebe nur zu sehr; aber die Liebe zum Menschengeschlecht, die seit je in meinem Herzen lebt und die, wie ich zu behaupten wage, meinen Charakter prägt, schenkte mir tausendfach reinere Freude, als ich erkannte, dass es auf der Welt einen > Prinzen gibt, der als Mensch denkt, einen Fürsten- Philosophen, der die Menschen beglücken wird. [...] Der höfischen Antwort folgt ein Briefwechsel der über vier Jahrzehnte, bis zum Tod Voltaires anhalten sollte. Aus dem suchenden jungen Mann wird der in seiner Zeit meistgehasste, gefürchtetste, meistbewunderte König, der hinter der Hand belächelt, sich um Musik kümmert, selbst komponiert, der philosophische Werke verfasst; aussichtslose Kriege führt und sie für Preußen siegreich beendet, der aus Preußen eine Großmacht schafft und den Untergang des habsburgischen Kaiserreichs einleitet. All das ist eingebunden in der hervorragenden Herausgabe und Neuübersetzung von Hans Pleschinski, einer Auswahl des Briefwechsels Voltaire / Friedrich der Große im dtv- Verlag, Mai 2004. //11-2007// Die Goethe Chronik [...] Weimar 6./7.Okt. 1796 Carl August regelt mit G. die Unterstützung des Studiums der Herder'sche Kinder, vgl. Carl August an G., 3.Okt. und Mitte Okt.; zunächst wird August Herder das Studium der Bergwissenschaften ermöglicht. Mitte Okt. Am 15. an Schiller: "Gestern ist meine Freitagsgesellschaft wieder angegangen, ich werde sie aber wohl nur alle 14 Tage halten". (Sie ist vermutlich in den nächsten Wochen endgültig eingeschlafen; vgl. auch G.s Darstellung in Tag- und Jahreshefte 1796).- Am 15. an Schiller: "Ein Heft Cellini <...> kommt bald" vgl. Tgb. 16.-19. und 25.-27.10.). Am 17. an F.H.Jakobi: "Du würdest mich nicht mehr als einen so steifen Realisten finden, es bringt mir großen Vorteil dass ich mit den anderen Arten zu denken etwas bekannter geworden bin, die ich, ob sie gleich nicht die meinigen werden können, dennoch als Supplement meiner Einseitigkeit zum praktischen Gebrauch äußerst bedarf."- Am 18. an Schiller: "Auch werden Fische und Vögel anatomiert" (vgl. Tgb. 25.: "Fisch Anatomie"). [...] Das ist ein Ausschnitt aus der von Dr. Rose Unterberger im INSEL Verlag erschienenen 550 seitigen Goethe Chronik. Dabei haben sollte man Goethes Tagebücher und seine Briefe (siehe die erstklassige Digitalisierung der sog. Weimarer Ausgabe durch die Digitale Bibliothek>). Wie immer faszinierend das Verwebtsein Goethes in vielen Denkrichtungen und Berufen. Daneben noch seine Arbeit als Theaterchef (er inszenierte auch Schillers > Dramen, neben Opern), sowie Bergwerkbeauftragter und Mitglied im Geheimen Konsilium, auch für die Finanzen verantwortlich usf. Die große kräftezehrende Arbeit in der Regierung hatte er nach der Italienischen Reise zurückgelegt und empfahl sich seinem Herzog "nur" mehr als Künstler. Trotzdem kümmerte er sich um große Geister seiner Zeit wie Herder, Fichte, Schelling, und! Schiller! dass sie zumindest eine Privatdozentur an der Universität Jena bekamen, oft nicht oder sehr schlecht bezahlt aber mit Reputation, die andere Erwerbsquellen ermöglichte. //06-2007// Rilke als Briefschreiber Sein tiefes und wie großes Werk hat zur Seite seine aussergewöhnlichen Briefe. Sie sind von zwingender Durchdringungskraft, unwahrscheinlich gescheit und voller Delikatesse. Er wird beredt, beschwörend, wenn es um seine Existenz, um sein Durchkommen geht. Es ist kopfschüttelnd mitlesen zu müssen seine auf höchstem Niveau gewundenen, verwundeten und tief gedemütigten Briefe; und doch! die meisten sind Liebesbriefe, eines Liebenden der allen gehören muss. Ein leider unstimmiger Brief unter tausenden ist der über Karl Kraus. Rilke wusste nicht dass Kraus eine große Spende und eine Sammlung für ihn gemacht hatte; Kraus schätzte Rilke sehr; Rilke in seiner Angst eine Gönnerin zu verlieren schreibt diesen unsäglichen Brief, in dem er auf Kraus´ Judentum hinweist und Sidonie Nádherný von Borutin letztlich davon abhält dem stürmischen Drängen Kraus´ zur ehelichen Verbindung nachzugeben. Sie verheiratet sich mit einen bedeutungslosen Mann ihres "Standes". Siehe auch: <http://www.rilke.de/briefe/210214.htm>. Kraus bleibt ihr bis zu seinem Tod gewogen. //03-2007// Die Zeit fährt Auto(1928) Die Städte wachsen. Und die Kurse steigen. Wenn jemand Geld hat, hat er auch Kredit. Die Konten reden. Die Bilanzen schweigen. Die Menschen sperren aus. Die Menschen streiken. Der Globus dreht sich. Und wir drehn uns mit. [...] Wieso warum?(1928) Warum sind tausend Kilo eine Tonne? Warum ist dreimal Drei nicht Sieben? Warum dreht sich die Erde um die Sonne? Warum heisst Erna Erna und nicht Yvonne? [...] Das sind winzige Ausschnitte aus den Texten des unwahrscheinlich coolen Erich Kästner. Wiedergefunden in Kästner für Erwachsene.Herausgegeben von Rudolf Walter Leonhardt, dem einstigen Feuilletonchef der ZEIT von 1957 - 1973, im Verlag Deutscher Bücherbund Stuttgart Hamburg. Immer wieder erstaunlich mit welch souveränem Witz Kästner die Welt darstellt (heute sagt man vorführt). Er, der bei der Bücherverbrennung 1933 (auch seiner eigenen) dabei war, er blieb in Deutschland, illusionslos und beobachtend und unter Pseudonym Kinderbücher und Drehbücher produzierend! //02-2007// Karl Kraus Copyright abgelaufen und die Österreichische Akademie der Wissenschaften bietet die Möglichkeit über [http://corpus1.aac.ac.at/fackel] sich registrieren zu lassen und dann das Mammutwerk ´Die Fackel´ zu besichtigen. Wer vorweg einiges von Kraus online lesen möchte kann beim SPIEGEL [http://gutenberg.spiegel.de/kraus/aphorism/aphor07.htm] fündig werden. Wer das Glück hatte vor Jahrzehnten (1977 zu einem lächerlichen Preis von DM 153,80) das Reprint der Fackel über den fabelhaften Verlag zweitausendeins.dezu erwerben, hatte sich viele Jahre der Freude und der Belehrung und der Übung zum Scharfsinn selbst geschenkt. Ob Kraus noch ein Begriff in der Deutschen Kultur ist wird sich zeigen. Vielleicht ist seine Stimme heute zu leise, vielleicht ist sie zu sprachbehaftet in der Bilderwelt von heute (ein Bild sagtmehr als tausend Worte: Ein Bild sagtüberhaupt nichts). Kraus lesen heisst mit voller Aufmerksamkeit jedes Wort abwägen, seine Stellung, seinen Klang, seine Absicht. Kraus war unendlich witzig und schlau und doch leider naiv in seiner Hoffnung die lesende Welt ändern zu können; seine ihm tief ergebene riesige Leserschaft war leider nicht groß und einflussreich genug um den Wahnsinn des 1.Weltkriegs zu verhindern und den Aufstieg des Hitler. In der Fackel Nr. 888 im Oktober 1933: Man frage nicht, was all die Zeit ich machte. Ich bleibe stumm; und sage nicht, warum. Und Stille gibt es, da die Erde krachte. Kein Wort, das traf; man spricht nur aus dem Schlaf. Und träumt von einer Sonne, welche lachte. Es geht vorbei; nachher war´s einerlei. Das Wort entschlief, als jene Welt erwachte. Dann erschien die nächste Fackel erst im Juli 1934 mit dem Titel "Nachruf auf Karl Kraus". Dort zitierte er die besorgte Heuchelei der Presse, die auf die "eindringlichste Stimme Europas" wartete und er stellte vor die kopfschüttelnden Meinungen der Besorgten, die sich über sein -bis zu den Gerichten gehendes Stilverständnis mokierten, da er unnachsichtig jedes falsch gesetzte Komma beim Nachdruck des Gedichtes bekämpfte. Dann erschien Ende Juli 1934 mit den Nummern 890-905 die Fackel mit dem Titel "Warum die Fackel nicht erscheint" und zwar im Ton des Verlags der Fackel (einen Stil den Kraus über seinen ichbezogenen stellte). Auf 315 Seiten liess er erklären warum Karl Kraus "zu Hitler nichts einfällt". //01-2007//02-2007// Verhaften Sie die üblichen Verdächtigen Der sehr verdienstvolle Verlag und Vertrieb zweitausendeins.de hat die im Berlin Verlag, Berlin, 2001 erschienene deutsche Ausgabe von Rund up the Usual Suspects - The Making of Casablanca von Aljean Harmetz 1992 unlängst verbilligt vertrieben. Das Buch ist sensationell trocken und amüsant und beschreibt detailschwer und doch informativ die Hintergründe der Entstehung des Films. Für uns Nach- geborene gespenstisch die Beschreibung eines Allerwelttheaterstücks mit dem Titel ´Everybody Comes to Rick´s´, das irgendwie schlecht lief, dann mit Hin und Her 1941 Kauf der Filmrechte für 20.000 Dollar durch Hal Wallis (der bei Warner produzierte). Die Erwartungshaltung war eher einen sentimentalen Kriegsschinken zu machen. Das Drehbuch wurde zum Teil von drei Autoren gleichzeitig geschrieben (einer hinter den anderen, mit entsprechenden kritischen Anmerkungen), die Besetzung war offen, Bogart war ja bei Warner, die Bergmann war nicht erste Wahl (!) und wurde schliesslich von einem anderen Studio ´ausgeborgt´. Statt weiter zu loben, die Kapitelinhalte: 1 Ein Film unter vielen 2 Das Studio: Jack L.Warner, Executive Producer ... und Hal B. Wallis 3 Casablanca wird geschrieben: Das beste Drehbuch setzt sich durch 4 Fehlstarts 5 Bogart, Bergmann und Henreid: ein Rendezvous mit dem Schicksal 6 Das Studiosystem zieht in den Krieg 7 Der erste Drehtag 8 Die üblichen Verdächtigen: Rains, Veidt, Greenstreet, Lorre und Wilson 9 Liebe und Zensur 10 Regie: Michael Curtiz 11 Arbeitsbeziehungen - nicht nur auf dem Set 12 Die Flüchtlingsroute: Europäer in Hollywood 13 Am Flugplatz: Produktionsende 14 "Unser Ismus ... Amerikanismus" 15 Spiel es, Sam 16 Wie der Film und der Krieg verkauft wurden 17 Wie Hollywood kontrolliert wurde 18 Die Oscars 19 As Time Went By - So vergeht die Zeit 20 Die ersten sechzig Jahre //01-2007// |