Thomas Mann (1875-1955) hat mit seinem wechselnden Stil viel Unruhe und Missverständnis
in seiner Lesergemeinde erzeugt. Den Nobelpreis bekam er für die Buddenbrooks, ein meister-
liches -auch freies Porträt- seiner Familie; und doch verwunderlich der Preis dafür, neben seinen
anderen Werken die schon vorlagen. Hier ist der Stilist überschätzt worden, wie oft seine Aussage
hinter seiner ausserordentlichen Ausdruckskraft verschwand. So kann Mann -wie vor sich hin-
plätschernd- wie in unabsichtlicher Rede, plötzlich zusammen fassen, zusammen raffen, spitz und
grell und blendend ein Thema, einen Begriff, gültig ausformulieren, hoch denkend -wie Goethe,
hinter dessen Wort jederzeit der beobachtende skeptisch kritische Geist erfreulich drückend
spürbar ist- so er, obwohl aufschauend zu Goethe er sich seines großen Wertes bewusst war und
dieses Wissen von sich Anderen unaufdringlich aber unabweisbar vermittelte.
Bruder Heinrich Mann war ihm in jungen Jahren politisch überlegen; Mann war sich zu deutsch,
zusehr Deutscher Künstler; erst als die braune Eliten-Brut die latente Bestialität erweckte, da
begriff er sofort, ordnete seine Geschäfte so gut es ging und kehrte nach einer Auslandsreise
nicht mehr nach Deutschland zurück und wies alles Werben der Nazis ab. Keine Deutschland.
Das hielt er auch so, obwohl er den Ostteil und den Westteil Deutschlands nach dem Krieg
besuchte; nach Amerikaaufenthalt lebte er ab 1952 bis zu seinem Tode in der Schweiz.
In den USA, während der Hitlerzeit, zuletzt als amerikanischer Staatsbürger, schwang er sich auf
zur Deutschen Stimme der Deutschen Kultur. Durch Förderungen und durch den erheblichen Ertrag
seiner Werke wurde er zum wichtigen Angelpunkt für seine Landsleute und vielen Emigranten die
dringend seiner (auch finanziellen) Hilfe bedurften. Dabei arbeitete er unverdrossen und streng
regelmässig an seiner Weltliteratur.
Ich zähle meine Lieblingsstücke auf: Joseph-Tetralogie, Zauberberg, Lotte in Weimar, seine
Essais
und Vorträge.
Sein Werk ist nicht nur das eines Schriftstellers der fesseln und zerstreuen möchte, sein Werk
ist gewollte und gekonnte Aussage über die Welt an sich. Wieder mit Goethe vergleichbar:
Es ist nicht die Kunst nur, die die Welt verändert, es muss bei der Kunst etwas zum Denken
geben, man muss einfach danach mehr wissen von der Welt als vorher. Das ist bei Mann und
Goethe der Fall.
Seine Briefe sind eher trocken -sein Werk sagt alles. Die Tagebücher die vor einiger Zeit ausge-
schlachtet wurden kenne ich nicht. Ich fand und finde es widerlich in den versteckten Zeilen
versteckte Gedanken und Gefühle heraus zu ziehen. Und wenn schon. Uns hat das nichts anzugehen.
//06-2009//02-2010//