Letztes Jahr in Marienbad
Wir hatten eine Verabredung zu einem Kinobesuch. Erika hatte ihren
freien Tag, wir trafen uns
am Donaukanal, an der Rossauerlände,
gegenüber der Polizeikaserne. Ich hatte mich wohl um
paar Minuten
verspätet, sie sah mich nicht allzu freundlich an. Aber ihre
pflichtbewusst schlechte
Laune verlor sich schnell nach einigen Minuten.
Im Freien auf der Strasse , kam ich mir etwas hilflos vor mit der
Erika. Keines der Hilfsmittel -wie
Auto, gute Kleidung, sportliche
Eleganz- besass ich, Ich war ganz auf mich allein gestellt (ohne
der
schützenden Hülle ihres kerzenerleuchteten Lokals). Sie sah
auch etwas verloren und grau
aus. Nur schwer fand ich in die Euphorie
vergangener Stunden. Uns fehlte einfach die Übung im
Umgang mit
dem Alltäglichen.
Triste wanderten wir durch die Innenstadt zum Burgring,
glücklicherweise dunkelte es bereits, so
konnten wir ohne Risiko
wachsen im Glitzern der Schaufenster. Erika hatte den Film "Letztes
Jahr
in Marienbad" vorgeschlagen. Ich kannte nichts von diesem Werk,
willigte daher neugierig ein. Um
es kurz zu sagen: Heute kann ich mich
nicht mehr an den Zusammenhang erinnern. Aber der Film
wurde mir zu
großem Erlebnis. In den verschiedenen Kameraeinstellungen
erwuchsen mir neue
Welten. Ich sah Schachbrettstrukturen, vernahm
ruhiges Trommeln der Gefühle, verschlungene
Schatten,
kreidebleiche Gesichter, wegschnellende Plastik. Salzwüsten oder
Schotterwiesen, wo
kegelige Schatten in der Luft standen. Ich sah
weite, wehmütige Gesichter, salzlos, tränenlos sich
weiten,
bitter den Abschied sagend. Ich sah beengende Linien, scharfkantige
Stähle in den Narben
des Leders der Fläche. Ich sah
Begrenzungen, weihevoll aufgerissen und schluchzend zugedrückt
wie
offene Wunden vor der Naht. Ich fühlte entschlackende Formen die
das Chaos regulierten, mich
befreiten, mich führten: strenge,
sauber, genau. "Lass mich Dir Linien am Himmel ziehen, dünn,
fein
und pfeilschnell."
Das Kino versank, Erika mit ihm, ich wuchs hinein in die granitene
Härte des Reduzierten, des sich
Versagenden. In der
speichelfliessenden, schluckenden Konsequenz erbarst mir die
große klare
Strahlung der Zusammenhänge. Ich ergab mich dem
Unabwendlichen, dem tödlichen Zusammenhang
aller Dinge und mir
erstand die Freiheit der Wahl ohne Wunsch.
Nach dem Film gingen wir in ein Lokal. Liessen uns nieder am speckigen
Tischchen, auf wurm-
stichigen Gestühl. Sahen uns in die Augen und
sogen den Mief der Heimat ein. Ich weiss nicht, ich
gestehe es mit
Trauer, ob Erika irgendetwas vom Film gehabt hatte. Ob ihr Bewusstsein
sich erweitert
hatte oder nicht. Ich sah sie nur an. Sah in die leeren
nackten Augen, in denen der Sex sich duckte. Sah
in ihr leeres,
müdes, gutes Gesicht, das höflich interessiert mir zugewandt
war. Wir sprachen über
mancherlei. Über den Film nicht. Ich
wollte und konnte mich ihr nicht erklären, es war erloschen das
Formerische in mir. Ich genoss die Vergangenheit, labte mich an ihr und
verbarg sie eifersüchtig vor
Erika. Wir sprachen und mieften uns
an mit der Unabwendbarkeit. Wir nagelten uns ans eigene Kreuz,
bei
vollem Bewusstsein. Immerhin war sie die erste Frau gewesen, die ich
vom Fleck weg geheiratet
hätte -in der Hoffnung auf ein gutes
überbauendes Ende voller Glückseligkeit und ähnliches.
Wir sahen
uns an und durch uns hindurch. Wir wussten schon zuviel
voneinander um noch neugierig zu sein. Und
der Tag war nicht mehr fern,
an dem sie mir sagte, dass ich ihr Leben zerstöre und sie sich
nicht zerstören
lassen wolle von mir. Als ich daraufhin grusslos
ging und paar Tage späte zu ihr sagte, dass ich
auswandere aus
dieser Scheissstadt WIEN, weinte sie doch (verstohlen, damit ihre
Gäste es nicht
sahen, so etwas drückt den Umsatz); diese
Tränen taten mir wohl, als späte, zu späte
Rehabilitierung.
Also, wir sassen im Lokal, sahen uns an und wussten, dass wir dem Alltag nicht gewachsen waren.
Es war aus.
//1970//07-2009//